Demut und Würde
Eine kurze, aber entscheidende Zeit ihrer Kindheit und Jugend verbringt Mely Kiyak in einem Bergdorf in der Türkei, wo sich ihre «verliebte Cousine» verloben will. Da es sich um keine arrangierte, sondern eine Beziehung «gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Familie» handelt, trifft die Cousine sich schon vorher heimlich mit dem Auserwählten und berichtet den Wache schiebenden Geschwistern und Cousinen, wie es sich anfühlt, wenn der Verlobte ihre Brüste anfasst: «Als würde er vorsichtig einen Teigballen vom bemehlten Holzbrett aufnehmen.
Als würde er mit beiden Händen frisch geschorene Schafwolle vom Boden heben. (…) Als würde er gleichzeitig mit zwei Händen die Köpfe von Zwillingen einseifen. (…) Als würde er mit Daumen und Zeigefinger auf der Brustspitze Blindenschrift entziffern.» Es sind mystische Litaneien, in denen die verliebte Cousine ihr frisch erworbenes Wissen weiterreicht, je sieben Metaphern für drei erotische Szenarien.
Die Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters und der «Berliner Zeitung» Mely Kiyak ist bekannt für ihre scharfen politischen Analysen und ihre kampflustige Polemik gegen Rassismus, Sexismus und Klassismus, ob am deutschen Theater oder sonst in der Welt. ...
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Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Bücher, Seite 46
von Eva Behrendt
Angst im Theater? Kein Genre scheint so ungeeignet für die Bühne wie der Horror. Brutaler Realismus funktioniert selten, weil ohnehin klar ist, dass die Akteure am Ende putzmunter zum Applaus antreten werden. Splatter ist etwas fürs Kino. Wäre da nicht der Wiener Puppenspieler Nikolaus Habjan, der schon öfter das Gegenteil beweisen konnte: Selten hat man brutalere,...
Der Untertitel ist eine Anmaßung. «Politisches Theater seit 1919», das hat einen allumfassenden Anspruch, und natürlich schlägt man Peter W. Marx’ «Macht|Spiele» sofort mit der Besserwisser-Motivation auf, Beispiele zu finden, die der Kölner Theaterhistoriker übersehen hat. Das weiß Marx freilich selbst, weswegen er schon in der Einleitung «Interventionistische...
Der Ärger ist groß, die Einsicht noch größer. Wer sich umhört unter den Leiter*innen von Stadttheatern und Produktionshäusern, vernimmt schweres Zähneknirschen über den unerwarteten zweiten Lockdown der Bühnen. Viele fühlen ihre Häuser ungerecht behandelt. Schließlich habe man funktionierende Hygienekonzepte vor und hinter der Bühne erarbeitet, die peinlichst...
