Demut und Würde
Eine kurze, aber entscheidende Zeit ihrer Kindheit und Jugend verbringt Mely Kiyak in einem Bergdorf in der Türkei, wo sich ihre «verliebte Cousine» verloben will. Da es sich um keine arrangierte, sondern eine Beziehung «gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Familie» handelt, trifft die Cousine sich schon vorher heimlich mit dem Auserwählten und berichtet den Wache schiebenden Geschwistern und Cousinen, wie es sich anfühlt, wenn der Verlobte ihre Brüste anfasst: «Als würde er vorsichtig einen Teigballen vom bemehlten Holzbrett aufnehmen.
Als würde er mit beiden Händen frisch geschorene Schafwolle vom Boden heben. (…) Als würde er gleichzeitig mit zwei Händen die Köpfe von Zwillingen einseifen. (…) Als würde er mit Daumen und Zeigefinger auf der Brustspitze Blindenschrift entziffern.» Es sind mystische Litaneien, in denen die verliebte Cousine ihr frisch erworbenes Wissen weiterreicht, je sieben Metaphern für drei erotische Szenarien.
Die Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters und der «Berliner Zeitung» Mely Kiyak ist bekannt für ihre scharfen politischen Analysen und ihre kampflustige Polemik gegen Rassismus, Sexismus und Klassismus, ob am deutschen Theater oder sonst in der Welt. ...
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Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Bücher, Seite 46
von Eva Behrendt
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