Ärger und Einsicht
Der Ärger ist groß, die Einsicht noch größer. Wer sich umhört unter den Leiter*innen von Stadttheatern und Produktionshäusern, vernimmt schweres Zähneknirschen über den unerwarteten zweiten Lockdown der Bühnen. Viele fühlen ihre Häuser ungerecht behandelt.
Schließlich habe man funktionierende Hygienekonzepte vor und hinter der Bühne erarbeitet, die peinlichst genau eingehalten werden; die Freiheit der Kunst werde nicht respektiert, was noch unverständlicher ist, wenn Gottesdienste unter dem Schutz der Religionsfreiheit weiter erlaubt sind; man sei auch keine «Freizeiteinrichtung», sondern ein Ort sozialer Gemeinschaft und Auseinandersetzung.
Genau deshalb aber werden Theater-, Tanz- und Opernhäuser ja auch, anders als Restaurants oder Fitnessstudios, durch die Steuern der Allgemeinheit finanziert, und zwar selbst dann in weltweit beispiellosen Summen, wenn sie geschlossen bleiben müssen. Eigentlich klar, dass daraus auch eine besondere Verantwortung resultiert. Wohl deshalb überwiegt insgesamt die Einsicht, dass die Opfer der erneuten Theaterschließungen gerechtfertigt sind angesichts der rapide steigenden Infektionszahlen, drohender klinischer Überforderung, steigender ...
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Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt, Franz Wille
Der Untertitel ist eine Anmaßung. «Politisches Theater seit 1919», das hat einen allumfassenden Anspruch, und natürlich schlägt man Peter W. Marx’ «Macht|Spiele» sofort mit der Besserwisser-Motivation auf, Beispiele zu finden, die der Kölner Theaterhistoriker übersehen hat. Das weiß Marx freilich selbst, weswegen er schon in der Einleitung «Interventionistische...
«Dies ist eine Bühne» – so sorgfältig wird man zu Beginn schon informiert. Dann lernt man: «Dies ist Rosa Enskat. Sie ist eine Schauspielerin.» Brechts Lehrtheater wird fein ironisiert. Während der Vorstellungsrunde fahren die Figuren auf der Drehbühne an uns vorbei wie Figuren in einem Glockenspiel oder einem Wachsfigurenkabinett, jede mit einer charakteristischen...
Zwei Stunden sitzt die Schauspielerin Pauline Kästner fest; wie ein Häuflein Elend auf einem Sandhaufen in der Mitte der Bühne des Nürnberger Staatstheaters. Ihr Aktionsradius ist denkbar klein, Regisseur Andreas Kriegenburg hält sie an der kurzen Leine: Dieser Antigone gibt er keinerlei Chance einzugreifen. Sie mag sich winden, mag im Sand wühlen, Spuren suchen...
