Das halbgebaute Nest
A-Seite: «Was Du in Deinem Herzen trägst ...»
Es gibt ein berühmtes Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff, das mich zutiefst berührt. In «Die tote Lerche» besingt die Dichterin den freien flatternden Flug und Gesang des kleinen Feldvogels («Ich stand an deines Landes Grenzen») und beschreibt ihre Sehnsucht, ebenso frei zu sein. Doch dann stirbt der Vogel und fällt zur Erde, «gleich toter Kohle in die Saat».
Die Betrachterin eilt zu der Stelle, sie findet ihn leblos: «Dein letztes Lied, es war verklungen, / Du lagst, ein armer kalter Rest, / Am Strahl verflattert und versungen / Bei deinem halbgebauten Nest.» In Analogie zu ihrem Wunsch nach Freiheit angesichts der Lebendigkeit des nicht durch Grenzen eingehegten Vogels wünscht sie sich nun eingedenk des eigenen unausweichlichen Todes: «Dann du, mein Leib, ihr armen Reste! / Dann nur ein Grab auf grüner Flur, / Und nah nur, nah bei meinem Neste, / In meiner stillen Heimat nur!» Die westfälische Katholikin in Meersburg am Bodensee, eine Prophetin der Katastrophe des Antisemitismus, die von Heimat als zerrissenem, unfertigem Ort zwischen Fernweh und unstillbarer Sehnsucht nach Ruhe, als «halbgebautem Nest», die von etwas ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (1), Seite 6
von Shermin Langhoff
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