Ausbruch aus der Kunst
In «She Came to Me», dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, überwindet ein Komponist seine Schaffenskrise, indem er einer Schlepperkapitänin zum One-Night-Stand in ihre Kajüte folgt. Normalerweise wäre das nicht der Rede wert – jedenfalls nicht an dieser Stelle, an der es darum geht, das Festivalgeschehen durch die Theaterbrille zu betrachten und auf entsprechende Akteurinnen und Akteure, Stoffe oder Ästhetiken abzuklopfen.
Der hollywoodstarreiche Berlinale-Beitrag der Regisseurin Rebecca Miller – ihrerseits Tochter des Autors, Dramatikers und Pulitzerpreisgewinners Arthur – weiß plotmäßig allerdings mit einer handfesten Überraschung aufzuwarten: Die Story bekommt tatsächlich einen handlungstragenden Theater-Drift, denn erstaunlicherweise triggert der One-Night-Stand die bombastischste Bühnenperformance, die man seit langem überhaupt sah im Segment der darstellenden Künste.
Infolge von Verwicklungen, deren plottwistreiche Dramaturgie im Einzelnen zu entknoten hier zu weit führen würde, rettet der Komponist nämlich dank One-Night-Stand und Schlepperkapitänin die bedrohte junge Liebe seines Stiefsohnes of Colour zur Tochter der Putzfrau vor deren Zerstörung durch den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 4 2023
Rubrik: Berlinale, Seite 36
von Christine Wahl
Das 1995 im Henschelverlag erschienene Theaterlexikon der DDR würdigt den am 14. Februar dieses Jahres verstorbenen Friedo Solter als überaus vitalen, sinnlich, gestisch und sprecherisch wirkungsvollen Schauspieler und preist seine Regiearbeiten als maßstabsetzend an, «weil er auf lange Zeit einen gültigen Beitrag zur Rezeption des klassischen Erbes geleistet» und...
Es ist ja ein Paradox: Rechtsbürgerliche Kreise in Zürich und namentlich die «Neue Zürcher Zeitung» führen eine Kampagne gegen das Schauspielhaus, es sei zu «woke». Zugleich sind es die «woken» Produktionen, die am besten laufen. Dass das Shop-in-the-shop-Prinzip mit acht Hausregisseur:innen und gleich vielen Splitter-Ensembles aus Tanz und Schauspiel (noch) nicht...
Auf der Bühne dreht sich ein Sandhaufen mit drei weißen Monoblockstühlen, darüber kreist eine gigantische orangene Sonne aus Scheinwerfern unter Pergamenthaut (Bühne Sabine Mäder). Könnte irgendwo in der Wüste sein oder in provinzieller Einöde, vielleicht sogar ganz in der Nähe. Eine Frau, eindeutig overdressed im cremefarbenen Kleid mit hoher Taille und langem...
