Aus sich heraus sprechen
Der Star kam erst ganz am Ende des Wettbewerbs. Kim de l’Horizon, mit seinem/ihrem Roman «Blutbuch» Überraschungsgewinner des deutschen Buchpreises im vergangenen Jahr, hatte ein Werk beim Heidelberger Stückemarkt eingereicht. Nachdem sich die lesenden Schauspieler redlich durch seinen Text gemüht hatten, wollte sich dessen Sinn einfach nicht erschließen. Sollte er aber wohl auch gar nicht, denn l’Horizons Lust an Theater hat viel mit uneingeschränkter Spielerei, fabuliertem Unfug, auch Provokation zu tun.
Linkisch saß er/sie dann also nach der Lesung auf der Bühne und plauderte ein wenig wirr aus dem Autorennähkästchen: dass Sprechtheater doch heute nur noch Ausschlüsse produziere und es viel besser sei, alle Genres an einem Abend zu vereinigen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Fantasy und Splatter, Schwule und Heteros, Drama und Drogen, Sex und Kuscheln: l’Horizon will die Zielgruppen abschaffen und alle vereinen. Außerdem kämen viel zu wenig Körper vor, die nicht von dieser Welt sind.
Folgerichtig spielt in l’Horizons Stück «Dann mach doch Limonade, bitch» auch ein Magen (eine Art Dark Room) die wichtigste Rolle, der rülpsend all das verdauen muss, was an Handlung Figuren wie ...
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Theater heute Juli 2023
Rubrik: Festivals, Seite 34
von Bernd Noack
Es sirrt, es zirpt, und zwar ziemlich aggressiv. Zikaden, untrüglich. Das ikonische Insekt aus dem familiendramatischen Tennessee-Williams-Country. Geben nie Ruhe im Geflecht, bleiben aber unterschwellig. Handeln im Verborgenen, kriechen einem ins Gehirn. Und entpuppen sich als eher hartleibige Zeitgenossen.
Damit wäre schon viel gesagt über das Biotop – Typus:...
Es existieren ganze Bibliotheken mit schönen, klugen Sätzen darüber, was die darstellenden, performativen Künste uns sein könn(t)en, und es gibt weitere mit Analysen dazu, wie es unter den Bedingungen kapitalistischer Aneignung aller Werte zur Ware in der Regel bei den schönen, klugen Sätzen bleibt und auch diese Künste eben doch Zwecken dienen, für die die...
Da sitzt sie an der Rampe, die elegante Abendgesellschaft, die Damen in hellen, paillettenglitzernden Kleidern, die Herren im Frack – und erzählen von dieser Nacht, die alles ändern sollte. Einem von ihnen fallen derweil immer wieder die Augen zu, das Kinn auf die Brust, und dann kippt er auf den Schoß seines Sitznachbarn, nur um sich gleich wieder verdattert...
