Des Menschen Naturgewalt
Es rauscht, es faucht, es grollt und poltert, und zwar von vorne rechts im Eck. Hierhin hat Prospero, einst weggeputschter Herzog von Mailand, heute einsamer Inselherr, seine Gegenspieler auf der Stuttgarter Schauspielhausbühne dirigiert. Hier stehen sie nun, ein Sturmtruppchor in Prosperos Bann, und beschwören a cappella ihren eigenen Schiffbruch im tiefen, leeren, schwarzen Shakespeare-Universum herauf. Zum Fürchten schön, diese stimmkonzertante Geräuschkulisse. Aber das Kulissenhafte sehen ja nur die Nichtverzauberten. Sie sehen auch: den Menschen als des Menschen Naturgewalt.
Wer wen beherrscht, wer wem entschlüpft und wer sein Spiel auf wessen Kosten treibt, das sind ja die interessanten Fragen in Shakespeares altersmildem Rachemärchen. Zum Beispiel stoppt Camille Dombrowsky mit Mirandas erstem Auftritt Prosperos prologische Rage, als wärs kein Taifuntosen, kein Feldzug gegen finstere Mächte, sondern allenfalls eine peinliche Elternlaune. Als ihr Prospero eröffnet, er sei immerhin rechtmäßiger Herzog von Mailand, lacht sie sich schief. Im Gegenzug schickt der Vater sie ins Reich der Träume – wobei André Jung alles andere als verhehlt, dass seinem Prospero diese Form der ...
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Theater heute Juli 2023
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Stephan Reuter
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