Allen eine Plattform bieten
Eva Behrendt Ihre Bühne für Christopher Rüpings Inszenierung von Jean-Luc Lagarces «Einfach das Ende der Welt» hat einen großen Auf- und ebensolchen Abtritt. Die sterbenskranke Hauptfigur Louis, die am Schauspielhaus Zürich wie der Protagonist Benjamin Lillie Benjamin heißt, kehrt nach jahrelanger Abwesenheit nach Hause in die Provinz zurück. Auf der Bühne geht Benjamin mit der Handkamera durch ein aufwendig rekonstruiertes Setting, eine detailgetreu eingerichtete Elternhauswohnung.
Danach wird diese von einer Schar von Techniker*innen wieder abgebaut, und die konfliktreiche Begegnung des Künstlers mit seiner Familie findet im leeren Raum statt, mit Blick auf die Kulissenrückseiten. Was ist das für eine Wohnung, und warum muss sie so schnell wieder weichen?
Jonathan Mertz Diese Wohnung ist das erinnerte Zuhause einer Kindheit, die nicht mehr da ist, aber trotzdem im Raum steht. Wie Lagarce haben wir die eigene Biografie als Anlass genommen für eine Frage, die auch andere Menschen interessieren könnte: Wie tief steckt uns die eigene Sozialisation in den Knochen, und können wir uns davon frei machen? Deshalb bin ich von der Wohnung ausgegangen, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe ...
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Theater heute August/September 2021
Rubrik: Akteure, Seite 24
von Eva Behrendt
Erstmal bleibt alles dunkel. Wer nach sieben Monaten Lockdown möglichst ein paar Schauspieler live sehen will, muss sich noch 20 Minuten gedulden. Bühne und Zuschauerraum sind rabenschwarz. Nur Stimmen: Mal mehr von vorne oder hinten, mal von links oder rechts. Verschiedene Sprecher, wiederkehrende und einmalige, bekannte und unbekannte. War das nicht ein Schnipsel...
Manche Realitäten sind es wert, so gründlich erklärt zu werden, dass sie niemand mehr versteht. Oma zum Beispiel wusste anfangs noch, wie «Türken» aussehen. «Du meinst die Nomaden aus dem Altai, die sich in den letzten tausend Jahren mit Griechen, Armeniern, Bosniern, Albanern, Kurden, Arabern, Tscherkessen, Tschetschenen, Osseten, Georgiern, Lasen und Tartaren...
Obwohl Christophe Slagmuylder seit bereits drei Jahren Intendant der Wiener Festwochen ist, fällt es immer noch schwer, seine Arbeit einzuschätzen. Die ersten von ihm verantworteten Festwochen 2019 zählen nicht wirklich, weil Slagmuylder so kurzfristig berufen worden war, dass ihm für das Kuratieren nur ein paar Monate blieben. Seine zweiten Festwochen konnten...
