Aggressive Entschleunigung
Es tut mir leid, ich bin zu müde, um die Performance heute Nacht zu spielen. Ich habe dafür keine Energie mehr», sagt Tim Etchells einmal.
Und kurz merkt man am Bildschirm auf: Hallo, was ist das? Streckt der jetzt die Waffen und wirft hin? Die Online-Performance hatte sich bis zu diesem Moment in einer erlesenen Schluffigkeit präsentiert: Etchells hockt vor seinem Bücherregal in einem abgetragenen Nullachtfünfzehn-Shirt – «a real lockdown special», wie er sagt – , seine Navigation stockt immer wieder, manche Datei öffnet sich erst nach mehreren Versuchen, was Etchells in dahindämmernder Seelenruhe erträgt. «Es tut mir leid, ich bin zu müde für diese Performance», scheint wie gemacht für den Moment. Aber es ist doch «nur» ein Tagebucheintrag aus vergangenen Tagen, den Etchells jetzt per Suchbefehl aus seinem Rechner ausspielt und verliest, in einem längeren Katalog von Schnipseln und Sentenzen zum Stichwort «Nacht».
Zurück auf den Kutschbock
Man muss schon eine gehörige Portion Geduld und Muße mitbringen, um sich diesen Lecture-Performances der Serie «My Documents: Share Your Screen» von Lola Arias im World Wide Web hinzugeben. Lectures oder ihre kleinen Schwestern, die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Christian Rakow
Eigentlich wollte ich Hannah Arendts umstrittenen Text «Reflections on Little Rock» von 1959 besprechen, mit dem sie sich gleich nach dem Erscheinen einige Kritik eingehandelt hatte. Sie sprach sich darin zwar eindeutig gegen Rassismus aus, machte aber eine Unterscheidung zwischen Gleichheit als politischem Recht, das durch die Verfassung gegeben sein müsse, und...
Kurz vor Spielzeitende geht doch noch mal was – und die Münchner Kammerspiele, die im rasanten Schlussspurt von Matthias Lilienthals zunehmend erfolgreicher Intendanz vom Virus so abrupt ausgebremst worden waren, sind schon am ersten Tag nach der Corona-Zwangspause gleich mit zwei pandemietauglichen Premieren am Start, deren Probenbeginn noch vor der Krise lag und...
Man wird sich an solche Anblicke für eine Weile gewöhnen müssen: jede zweite Reihe leer, in den anderen jeder dritte Platz besetzt. Wenn sich erwartungshochgespannte Premierenzuschauerräume nicht zuletzt dank zahlreich anwesender schmallippiger Kritiker*innen für die Schauspieler*innen ohnehin anfühlen wie ein weit geöffneter Kühlschrank, dann kommt es jetzt noch...
