Tragödie der Hygiene
Man wird sich an solche Anblicke für eine Weile gewöhnen müssen: jede zweite Reihe leer, in den anderen jeder dritte Platz besetzt. Wenn sich erwartungshochgespannte Premierenzuschauerräume nicht zuletzt dank zahlreich anwesender schmallippiger Kritiker*innen für die Schauspieler*innen ohnehin anfühlen wie ein weit geöffneter Kühlschrank, dann kommt es jetzt noch deutlich schlimmer: ein weit geöffneter, fünfsechstel-leerer Kühlschrank.
Intendant Enrico Lübbe bewahrt den nötigen Resthumor und begrüßt herzlich in knappen Worten die «ausverkaufte Vorstellung» mit 108 Zuschauern. Bei der letzten Premiere davor im März waren es – ebenfalls ausverkauft – noch weit über 600. Oben auf der Bühne steht eine transparente Butterdose. Kathrin Frosch hat einen kleinen rechteckigen Plexiglas-Bungalow – Typ klassische Büromoderne – in die leere, dunkel-düstere Weite der Bühne gestellt, der bei Bedarf wie auf einem unsichtbaren Kuchentablett im Kreis fahren kann. Um ihn herum sickert knöcheltiefes, schwarz schimmerndes Wasser. In scheinbar ewiger Nacht präsentiert sich das griechische Korinth als weitgehend triste, lebensfeindliche Feuchtlandschaft, aus der noch ein vereinzeltes ...
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Theater heute August/September 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille
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