80 Prozent Eigendynamik

Matthias Lilienthal über die Arbeit mit Christoph Schlingensief, über die schwierigen Anfänge an der Berliner Volksbühne, Schauspieler-Reaktionen, über Familie, Theorie und Medienwirkung und die Freundschaft mit dem Publikum

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Franz WilleMatthias Lilienthal, Sie sind der Entdecker oder vielmehr und noch besser der Anstifter von Christoph Schlingensief auf dem Theater. Wie war das 1993 an der Berliner Volksbühne?

Matthias LilienthalDirk Nawrocki, der Mitarbeiter von Frank Castorf, war der ersteAnstifter. Di­miter Gotscheff hatte uns kurzfristig abgesagt, und da lasen wir einen Bericht im Berliner Stadtmagazin «Tip» über Schlingensiefs «Terror 2000» und schauten uns seine Filme an. Daraufhin haben wir ihn angesprochen.

Die Idee war zuerst, er solle seinen Film auf der Bühne nachinszenieren, heraus kam «100 Jahre CDU». Christoph hatte keinen blassen Schimmer von Theater, als er anfing. Er inszenierte zwar schon damals sehr plakativ, aber man brauchte eine gewisse Nähe um zu verstehen, worum es ihm ging, denn ein Kamerazoom funktioniert im Großen Haus der Volksbühne nur sehr bedingt. Die Premiere kam raus, hatte riesige Aufmerksamkeit, aber nur wenige mochten sie wirklich. Was in den Filmen eine direkte Unverschämtheit hatte, verrutschte auf der Bühne manchmal einfach ins Kabarett. Nach der dritten Vorstellung sagte ich dann zu ihm: «Du bist ganz anders als die Aufführung, bitte geh doch mit auf die Bühne.» ...

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Theater heute Oktober 2010
Rubrik: Schlingensief 1960–2010, Seite 18
von Matthias Lilienthal

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