Zwei-Klassen-Schiffbruch

Margareth Obexer «Das Geisterschiff»

Theater heute - Logo

Dass die «Titanic» vor ein paar Jahrzehnten gesunken ist, war ein Glücksfall für Technik- und Beschleunigungskritiker und ist es bis heute für die Unterhaltungsindustrie. Dass im Dezember 1996 ein namenloser klappriger Flüchtlingskutter mit 300 Frauen, Männern und Kindern vor der sizilianischen Küste unterging, kann man nur noch in entlegenen Annalen nachlesen.

Die Proteste gegen die lebensgefährliche Verschacherung von Menschen waren nie laut; und aus dieser Tragödie, die nur sieben völlig Entkräftete überlebten, lässt sich kaum eine irgendwie abend- und kassenfüllend vermarktbare Story basteln. Auch in der Katastrophenkategorie «Schiffbruch» gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Die aus Südtirol stammende Autorin Margareth Obexer aber hat aus diesem Stoff, der nie das Zeug zu einem Blockbuster hätte, weil hier statt des Luxus das Elend versinkt, ein sehr textkluges, garstig-komisches, politisch unkorrektes Stück gemacht: «Das Geisterschiff», uraufgeführt im Theaterhaus Jena, nimmt den verschwiegenen Vorfall zum Anlass, über die Arroganz und das Unbehagen gegenüber den «Erscheinungen an den europäischen Rändern» zu reflektieren. Dabei interessiert sie vordergründig gar nicht das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2008
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Es ward Demokratie

Nach Lars-Ole Walburgs Düsseldorfer «Orestie» lässt sich noch besser nachvollziehen, warum Michael Thalheimer in seiner Berliner Inszenierung 2006 den dritten Teil, «Die Eumeniden», gestrichen hat. Die Wucht der Tragödie, auf die es hier ankommt, ist mit einer unentschieden endenden Abstimmung, mit dem Schlichterspruch einer gütigen Pallas Athene, also mit Friede...

Italienische Riesen

Vorhang auf, und das Theater wird erst einmal zum Kino. Eine Filmleinwand verschließt die gesamte Bühnenöffnung. Darauf bremst mit quietschenden Reifen ein weißer Fiat 130, gleich dahinter das Fahrzeug der Eskorte. Maschinengewehrsalven. Schreie. Entsetzen. Wer sich noch regt, wird mit gezielten Schüssen niedergestreckt. Ein Mann wird aus dem Wagen gezerrt, in...

«Ich bin die Mauer»

Die Jahre zwischen 1977 und 1980 waren die krisenhafteste Zeit seines Lebens. Im Oktober 1976 war er von einem Wien-Aufenthalt anlässlich einer Inszenierung am Burgtheater nicht mehr in die DDR zurückgekehrt. Im März 1977 wird seine Freundin Gabriele Gerecke bei einem Fluchtversuch an der innerdeutschen Grenze festgenom­men und zu drei Jahren Haft im berüchtigten...