Zwei-Klassen-Schiffbruch
Dass die «Titanic» vor ein paar Jahrzehnten gesunken ist, war ein Glücksfall für Technik- und Beschleunigungskritiker und ist es bis heute für die Unterhaltungsindustrie. Dass im Dezember 1996 ein namenloser klappriger Flüchtlingskutter mit 300 Frauen, Männern und Kindern vor der sizilianischen Küste unterging, kann man nur noch in entlegenen Annalen nachlesen.
Die Proteste gegen die lebensgefährliche Verschacherung von Menschen waren nie laut; und aus dieser Tragödie, die nur sieben völlig Entkräftete überlebten, lässt sich kaum eine irgendwie abend- und kassenfüllend vermarktbare Story basteln. Auch in der Katastrophenkategorie «Schiffbruch» gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Die aus Südtirol stammende Autorin Margareth Obexer aber hat aus diesem Stoff, der nie das Zeug zu einem Blockbuster hätte, weil hier statt des Luxus das Elend versinkt, ein sehr textkluges, garstig-komisches, politisch unkorrektes Stück gemacht: «Das Geisterschiff», uraufgeführt im Theaterhaus Jena, nimmt den verschwiegenen Vorfall zum Anlass, über die Arroganz und das Unbehagen gegenüber den «Erscheinungen an den europäischen Rändern» zu reflektieren. Dabei interessiert sie vordergründig gar nicht das ...
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Petite Fleur» heißt das Etablissement, das mehr bodenständig als frivol über die Ausfallstraße am See grüßt. Neonbordüren illuminieren sparsam die klobige Fassade; träge blinken rote Herzen in den Fenstern. Früher war das robuste Zweieinhalb-Familienhaus schräg gegenüber der Roten Fabrik noch «eine wundervolle Vorstadtkneipe», in der der legendäre Tonmeister Dieter...
Damals, im Frühjahr 2001, zog sich Bert Neumanns Bühne, eine gereihte Ansammlung von Containern und Planken, entlang der Zuschauertribüne in der Zürcher Schiffbauhalle hin. Jetzt, für die Wiederaufnahme der Castorfschen Bearbeitung und Inszenierung von Alfred Döblins Roman «Berlin Alexanderplatz» in der Volksbühne, hat Neumann die lange Container- und Plankenzeile...
Es ist dieser Aufkleber an der Tür zu dem kleinen, abseits und verwunschen im Grünen am plätschernden Landwehrkanal gelegenen Theater in Eisleben, der einem klar macht, dass mit dieser Idylle irgendwas nicht stimmt. «Aktion Noteingang – Wir bieten Schutz und Information bei rassistischen und fremdenfeindlichen Übergriffen» steht da, und dann tritt man ins Foyer...
