Zwei-Klassen-Schiffbruch
Dass die «Titanic» vor ein paar Jahrzehnten gesunken ist, war ein Glücksfall für Technik- und Beschleunigungskritiker und ist es bis heute für die Unterhaltungsindustrie. Dass im Dezember 1996 ein namenloser klappriger Flüchtlingskutter mit 300 Frauen, Männern und Kindern vor der sizilianischen Küste unterging, kann man nur noch in entlegenen Annalen nachlesen.
Die Proteste gegen die lebensgefährliche Verschacherung von Menschen waren nie laut; und aus dieser Tragödie, die nur sieben völlig Entkräftete überlebten, lässt sich kaum eine irgendwie abend- und kassenfüllend vermarktbare Story basteln. Auch in der Katastrophenkategorie «Schiffbruch» gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.
Die aus Südtirol stammende Autorin Margareth Obexer aber hat aus diesem Stoff, der nie das Zeug zu einem Blockbuster hätte, weil hier statt des Luxus das Elend versinkt, ein sehr textkluges, garstig-komisches, politisch unkorrektes Stück gemacht: «Das Geisterschiff», uraufgeführt im Theaterhaus Jena, nimmt den verschwiegenen Vorfall zum Anlass, über die Arroganz und das Unbehagen gegenüber den «Erscheinungen an den europäischen Rändern» zu reflektieren. Dabei interessiert sie vordergründig gar nicht das ...
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