Zurück im Zentrum – aber offen

Sahar Rahimi und Mark Schröppel wollen das Brechtfestival in Augsburg für «ALLE» zugänglicher machen

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Alle drei Jahre wechselt die Leitung des Augsburger Brechtfestivals. Der Rhythmus, mit dem dann frische künstlerische Energie und kuratorische Impulse in die Stadt gepumpt werden, hat sich bewährt, und auch, dass vom Namenspatron eher die dialek -tische Reflexion über Gesellschaft und soziale Gerechtigkeit mit einfließen (was nicht heißt, dass Brecht überhaupt nicht mehr gespielt wird).

Zuletzt richtete von 2023 bis 2025 der Kulturanthropologe und Musikperformer Julian Warner den Fokus nach außen in die migrantisch geprägten Vorstadtviertel, suchte den Kontakt mit den Communities und förderte die Partizipation von zahlreichen lokalen Gruppen und Vereinen. Vom Rathausplatz zog eine Parade mit großem Tamtam und kollektiv gewebtem Brecht-Konterfei über die Brücke nach Lechhausen, im Kulturzentrum der Alevitischen Gemeinde gab es eine Wrestlingshow mit dem sprechenden Titel «Kampf um Augsburg» und zuletzt in Brechts Kraftclub in einem ehe -maligen Möbelhaus einen interkulturellen Tanzmarathon für alle.

Schlicht und einladend «ALLE» heißt auch das Motto der diesjährigen Festivalausgabe, mit der Sahar Rahimi und Mark Schröppel für drei Jahre an den Start gehen – was durchaus nicht nur Harmonie suggeriert, sondern Fragen aufwirft. Gemeinsam bilden die in Teheran geborene und in Deutschland aufgewachsene Regisseurin und Künstlerin Rahimi und der gebürtige Augsburger Schröppel, ebenfalls Regisseur, Performer und Musiker, die erste gemischte Doppelspitze des Brechtfestivals, die sich explizit Performancekunst und Inklusion als Schwerpunkte auf die Fahne geschrieben hat.

Was heißt «ALLE»?
Kennengelernt haben sich die beiden bereits in den 2000er Jahren beim Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, um später mit ihren jeweiligen Gruppen Monster Truck und SKART & Masters of the Universe gemeinsam Pionierarbeit im Bereich künstlerischer Inklusion zu leisten. «Wir denken dieses ALLE ja nicht naiv», betont Schröppel. «Wenn man in dieser Welt, in der wir leben, ‹alle› meint, dann bedeutet das ja auch Auseinandersetzung. Folgerichtig wäre es also, ein Streitmodell auf künstlerischer und diskursiver Ebene aufzumachen, das die Leute zusammenbringt und nicht auseinandertreibt.»

Im ersten Jahr der gemeinsamen Kura -tion liegt der Schwerpunkt noch auf dem Zusammenbringen, mit dem Anspruch, das diskursive und ästhetische Niveau von Jahr zu Jahr zu steigern. Den Auftakt machte heuer ebenfalls eine kleine, feine Prozession mit der Marching Band Musikong Bumbong der deutsch-filipinischen Künstlerin Tintin Patrone, die auch für das Corporate Design im Piktogrammstil verantwortlich zeichnet. Diesmal allerdings ist der Weg nicht so weit, denn das Festivalzentrum liegt wieder mitten in der Stadt: das Karo [10] ist eine Zwischennutzung auf drei Stockwerken im 2024 insolvent gegangenen Modehaus Rübsamen in der Karolinenstraße 10, nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt.

Von der knallbunt gestalteten Altbau -fassade grüßt dort eine riesige aufblasbare Comicfigur und lockt sowohl Kunstvolk als auch zufällige Passanten hinein, sich im Café der Caritas bewirten zu lassen, während die Kids auf der Hüpfburg toben, an einem der zahlreichen Workshops «Alle machen» teilzunehmen, Bingo zu spielen oder im Untergeschoss die sehenswerte Ausstellung «In Farbe» mit Werken behinderter Künstler:innen zu besuchen.

So niedrigschwellig das auf den ersten Blick wirkt, so ästhetisch vielschichtig ist die Dekoration auf den zweiten – mit vielen Zitaten aus der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Tintin Patrone und SKART und so ambitioniert das eingeladene Performanceprogramm, auch wenn die Premieren mitunter schon etwas zurückliegen. In «War Games» unterwerfen die altersgemischten und inklusiven Hamburger Ensembles Masters of the Universe und Meine Damen und Herren zusammen die scheinbar ausweg -losen Zwangskreisläufe, die immer wieder zu Kriegen führen, einer schonungslos spielerischen Befragung. In «Wolf» schickt Sahar Rahimi das queer-inklusive Performer-Paar Lucy Wilke und Lotta Ökmen auf den Spuren von Rotkäppchen in eine düstere Spirale machtbetonter Beziehungen. Und in «Die Verwandlung» überlässt Manuel Gerst einen wehrlosen VW-Käfer eine Stunde lang der Obhut des Publikums, was, angespornt durch zur Verfügung gestellte Werkzeuge wie Axt und Baseballschläger, jedes Mal wieder tief verdrängte Zerstörungslust zutage fördert, die im Nachgespräch diskursiv wieder eingefangen wird.

Vermittlungsdienstleister
Überhaupt gehören Gespräch und Austausch über das Gesehene zentral mit zum Programm. «Ich sehe mich weniger als Intendant, sondern als einen Vermittlungsdienstleister», erklärt Schröppel, «der den Leuten sagt, lasst euch ein. Die Sachen sind darauf angelegt, dass sie euch was geben! Man muss nicht Performance studiert haben, um das zu verstehen, aber vielleicht schult es die Wahrnehmung in dem Sinne, dass wir nächstes Jahr noch einen Schritt weiter gehen können.»

Viel getan hat sich auf jeden Fall beim Abbau von offensichtlichen und unterschwelligen Barrieren. Das Programmbuch ist auch deshalb so dick, weil es sich von zwei Seiten – einmal in Leichter Sprache – lesen lässt. Bei vielen Veranstaltungen erleichtern Access-Friends mit Early Boarding den Zugang, werden Audiodeskription, Übersetzung in Gebärdensprache oder Tastführungen angeboten. Doch auch das Networking und die Lobbyarbeit mit den Behindertenverbänden ist ein fortschreitender Prozess, verbunden mit konkreten Nachfragen, welche Bedürfnisse noch außer Acht gelassen wurden oder welches Angebot vielleicht auf keine so große Nachfrage stößt.

Brecht und Müller
Für Original-Brecht-Sound sorgt auch diesmal wieder das Staatstheater Augsburg in der großen Spielstätte im Martinipark. Regis -seurin Sapir Heller geht «Die Dreigroschenoper», diesen unverwüstlich kulinarischen Erfolgshit aus den 1920ern, mit schrägem Glamour und Musical-Appeal an. Dass dabei alle als verkappte Hyänen auftreten, die sich um die Fischladung eines auf der Bühne umgestürzten Lkws balgen (Bühne Anna van Leen, Kostüme Slavna Martinovic), gibt dem Ganzen jedoch eher etwas Possierliches als bittere Brisanz zu betonen, zumal auch die Songs manchmal zu opernhaft schön klingen. Dass sich der eitle Gangster-Dandy Macheath (Thomas Prazak) zum Finale selbst in einen Mermaid-Fischschwanz zwängt und lasziv auf der Festtafel zu seiner Hinrichtung räkelt, ist allerdings ein hübschironischer Twist.

Ganz in dichten Dunst hüllt Lilli-Hannah Hoepner (neben Regie auch verantwortlich für Bühne und Video) die schroffen Textklippen von Heiner Müllers «Hamletmaschine», der zweiten Staatstheaterpremiere innerhalb des Festivals auf der brechtbühne im Gaswerk, und erzeugt damit zunächst einmal intensive Bilder von Leere und Verlorenheit. Aus dem undurchsichtigen Nichts dringen zunächst nur matte Stimmen, eindringlich, wenn auch ohne Schärfe, die sich in das zischende Geräusch der Nebelmaschinen mischen.

Allmählich tauchen vier schemenhafte Gestalten (Ute Fiedler, Julius Kuhn, Jenny Langner und Kai Windhövel) in mittelalterlich-grotesker Kostümierung – froschgrüne Narrenkappe, getürmte Frisuren, stachelige Auswüchse und High Heels von Janine Dollmann – auf, Hofschranzen die sich gegenseitig mit Misstrauen beschleichen und umgarnen. Drei Lichtquellen im Hintergrund lassen dazu Strahlenkränze funkeln und auf vorne rechts und links verteilten Screens werden sowohl Textfetzen eingeblendet als auch bekannte Ophelia-Gemälde mittels KI zum Leben erweckt.

Zur «Schlacht um Grönland» wirft eine umgestürzte Wendeltreppe aus Metall kantige Schatten wie rostiges Kriegsgerät, später werden von den Spielenden noch Barrikaden nach vorn geschleppt, um sich wie Opfer einer Revolution darüber zu hängen.

Müllers Text, 1977 unter dem Eindruck der in Gewalt und Überwachung zerfallenden Vision des Sozialismus entstanden, wird so optisch schillernd zelebriert, während die körperlosen Stimmen allein einen beklemmenden Resonanzraum erzeugen. Ein Abend, der sich durchaus mit dem Performancestil des Festivals verbindet und dabei Raum für gemeinsame Assoziieren freigibt – als Material für die offene Baustelle, an der im nächsten Jahr wieder auf allen Ebenen und mit vereinten Kräften weitergebaut werden soll. 


Theater heute April 2026
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Silvia Stammen

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