Zugelaufener Rollkoffer
Eine junge Frau begegnet einem Koffer: «Sein Griff, sein langer Griff, zieht meine Hand an. /Passgenau. / Ich geh weiter. / Einfach weiter. / Der Koffer rollt hinter mir her. / Leise und leicht.» Das Bild vom Koffer, der sich offenbar eine neue Herrin sucht, erschien mir sofort einleuchtend, vielleicht weil ich als Kind bei jedem scheinbar herrenlosen Hund hoffte, er würde sich mir anschließen, würde das kategorische Nein der Eltern zu Haustieren einfach durch seine bloße Anwesenheit und seine treuen Hundeaugen erschüttern.
Vielleicht aber auch, weil das rollfähige Gepäckstück im kabinentauglichen Format zum treusten Begleiter des globalen Einzelreisenden geworden ist, der seinem Besitzer emotionslos folgt, während der in standardisierten Hotelzimmern oder an der nächtlichen Bar davon träumt, auf den Hund zu kommen, um der Einsamkeit zu entfliehen.
Der Koffer also hat sich für ein neues Frauchen entschieden und bringt damit die Geschichte ins Rollen, eigentlich sollte man eher ins Gleiten sagen, denn sie verläuft nahezu lautlos: Die unvermeidliche Lärmspur, die Rollkoffer gewöhnlich überlaut in nächtlichen Straßen und auf Bahnsteigen hinterlassen, ist die Sache dieses Stückes ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 180
von Matthias Heid
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