Zürich: Wüstestmögliche Wendung
Ein dunkler, durchsichtiger Screen verschattet die Szene. Darauf erscheint der Stücktitel, «Jean Genet, Die Zofen», wie aufgemalt, ein schreiend weißes Schriftbild, wie es die Film-noir-Typografen der 40er liebten. Schon fährt eine subjektive Livecam auf nackte Frauenschulterblätter zu, ein grausiger Handschuh greift mordlüstern ins Bild, die Dame am Schminktisch schreckt herum, zu spät, der Handschuh fasst zu und beschmiert
ihre hübsche Wange. Sie wird den Fleck nicht überschminken.
Dreck ist eine der Fetischtrophäen in Jean Genets symbolbefrachtetem Kammerspiel von 1947.
Kein Wunder. Das Stück ist eine einzige Attacke auf die Reinlichkeit der bürgerlichen Wertbegriffe. Claire und Solange, die beiden Zofen, treiben im Schlafzimmer ihrer gnädigen Frau erotische Spiele um Dominanz und Unterwerfung, sie tun das heimlich, mit Lust am Ekel, und sie hebeln dabei sexuelle Ordnung und soziales Klassendenken aus.
Die Zofen in Zürich haben in Madames blütenweißem Boudoir eine ganze Bettpfanne voll dunkler Schmiere gebunkert. Auf den Videobildern färbt sie sich blutrot, wodurch die Szenerie Schneewittchen-Effekte gewinnt. Was dabei verloren geht, ist die Erzählkraft des Theaters. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2015
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Stephan Reuter
Dass die mindestens hundertachtzig Fremdsprachen beherrschende Karrieristin Verena Schütz (Barbara Dussler) nach ihrem Bewerbungsgespräch im Stadtpark beinahe von einer Krähe erschlagen wird, schürt natürlich erst einmal große apokalyptische Hoffnungen. Das Internet versagt, der Strom fällt aus, die Konsumenten schieben Panikattacken, und das Animalische segelt...
Aschaffenburg, Stadttheater
10. Sternheim, Der Snob
R. Jürgen Overhoff
Augsburg, Theater
19. Achternbusch, Gust
R. Anton Koelbl und Tjark Bernau
Baden-Baden, Theater
19. Goldoni, Der Diener zweier Herren
R. Barry Goldman
Basel, Theater
16. Castellucci, The Parthenon Metopes
R. Romeo Castellucci
19. Aufbruch. Die letzten 48 Stunden
R. Petra Barcal
Berlin,...
August Engelhardt hatte das Pech der frühen Geburt. Der 1875 geborene Gründer des Sonnenordens, der von 1902 bis zu seinem Tod 1919 auf der eigens erworbenen Insel Kabakon in der Kolonie Deutsch-Neuguinea lebte, wäre dort hundert Fortschrittsjahre später wohl weniger einsam geblieben. «Heitere, jauchzende Sonnenkinder, die nichts zu ihrem Leben brauchen als...
