Zürich: Ohne Hosen

Guy Krneta «In Formation»

Theater heute - Logo

«Was es bald nicht mehr gibt: Dass man am Morgen nach einem wichtigen Ereignis zum Kiosk geht und zehn Zeitungen kauft», prophezeien die Schauspieler in Guy Krnetas Recherchestück «In Formation» in der Box des Zürcher Schiffbaus. Oder: «Dass alle das Gleiche gelesen haben, in der gleichen Zeitung, und alle überzeugt sind, vom Gleichen zu reden.» Kurzum: Man hat sich hier unter der Regie von Sebastian Nübling in einer demokratischen Amphitheatersituation (Bühne: Muriel Gerstner) zusammengefunden, um kollektiv das gute alte Holzmedium zu Grabe zu tragen.

Dass dies über weite Strecken in einem gepflegten Berndeutsch, einer für ungeübte Ohren ziemlich sibyllinisch klingenden Spezialform des Schweizerdeutschs, geschieht, verschafft nichtregionalen Theatergängern zwar einen leicht undemokratischen Nachteil: Die gefühlte Decodierungsquote liegt bei maximal fünfzehn Prozent. Aber auch die Lektüre der hochdeutschen Übersetzung bestätigt: Der eingangs von den Akteuren in die Arena getragene Ton ist ziemlich repräsentativ für den kompletten Abend.
Man erfährt – zumal als Journalist/in – nichts Neues von der Zeitungskrisenfront. Aber man hat – namentlich vor dem Hintergrund aktueller Schweizer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2017
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Niemand will es kommen sehen

Das Schmelzen des Eises lehrt, dass die Zeit unterschiedlich schnell vergehen kann. Lange steht Stéphane Laimés Eiswand, die trotz an ihr befestigtem Kruzifix und Erste-Hilfe-Kasten an die Glasfront eines altrussischen Wintergartens erinnert, kaum verändert auf der Zürcher Pfauenbühne. Möglich, dass das ein oder andere Eisquadrat transparenter wird oder das...

Dortmund: Erlösende Unterhaltung

Gleich zwei kaum noch gespielte Stücke hat man da in Dortmund fast zeitgleich ausgegraben. Wie um seine unbedingte Distanz zu Brecht noch zu betonen, lässt Sascha Hawemann in «Furcht und Elend des Dritten Reiches» hinter einem distanzierten Vorhang im Dauerloop Brecht-Fotos und -Filme aus den 30er Jahren abspielen – eine pä­da­gogische Entsorgung als Che Guevara...

Die Dialektik der islamischen Welt

Franz Wille Ayad Akhtar, Ihre Stücke und Ihr Roman «American Dervish» – die Coming-of-Age-Geschichte eines wohlbehüteten pakistanischstämmigen Jungen im Milwaukee der 1980er Jahre – kreisen um kulturelle Identität. In einem amerikanischen Fernsehinterview haben Sie sich als einen «kulturellen Muslim» bezeichnet. Was ist das?
Ayad Akhtar Viele meiner jüdischen...