Zürich: Godot im Gehen
Ein Rennbahnoval, umrandet von einer Bande mit Blinkerblümchen. An beiden Kopfenden Showportale, vor dem einen schweben Riesenballons mit Sternen und Streifen, das andere verblendet ein Riesenprospekt im Technicolorstil, darauf tanzen Zirkuslöwen mit Tangomädchen, manche zeigen auch nur die Pranken, oder sie reißen das Maul auf. Alles so quietschbunt hier. «A Great Group of Trained Wilds» steht auf dem Vorhang – und das ist gar nicht so weit weg von dem, was Autor-Regisseur René Pollesch in seinem siebten Stück für das Schauspielhaus Zürich vorführt.
Barbara Steiners Setting in der Schiffbauhalle ist heikel, aber großartig. Mittendrin sitzt das Publikum, Rücken an Rücken auf einer geteilten grellweißen Tribüne, verurteilt zum Nur-hierhin- oder Nur-dorthin-Schauen. Was man auf der jeweils uneinsehbaren Gegengeraden verpasst, fängt ein Kameramann ein, das Bild wird live auf zwei Screens geworfen. Und man verpasst entweder vier Performer (Hilke Altefrohne, Inga Busch, Marie Rosa Tietjen, Jirka Zett) oder einen 14-köpfigen Schauspielschülerinnenchor, die sich praktisch permanent auf dem Parcours verfolgen und sich die Sätze über die Zuschauerköpfe hinweg zuwerfen. Über weite Strecken ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2017
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Stephan Reuter
Natürlich wirkt Eszter not amused, als mitten in der Nacht ihre Schwester Ernella vor der Wohnungstür steht, Mann und Teenie-Tochter inklusive. Schließlich ist es keine zwölf Monate her, dass Ernellas Gatte just auf dieser Türschwelle großspurig von dauerhafter Auswanderung gesprochen hatte: Mindestens zehn Jahre lang bräuchte hier, in Budapest, niemand mehr mit...
Es hat etwas Genüssliches, wie in diesem «Othello» das rassistische Vokabular für die Beleidigung von Schwarzen angesammelt wird. Neger, Nigger, Hottentott, Makake, Molukke, Kaffeesatz oder Urwaldkönig nennen Othellos Soldaten ihren Heerführer. Sie essen demonstrativ Nutella, das sie «Othella» nennen, und auch die neueste Version des Kolonialsprechs, mit dem weiße...
Den Tod hat Ernst M. Binder schon als junger Mann aus nächster Nähe kennengelernt. Er war 21, als seine erste Ehefrau Marianne vom Balkon fiel. Vor dem Todessturz hatten die beiden noch Leonard Cohens düsteres Album «Songs of Love and Hate» gehört, dann war sie plötzlich weg. Nach dem Unglück adoptierte Binder den Namen seiner toten Frau – das M. steht für Marianne...
