Zürich: Club der Charakterschweine

Ödön von Horváth «Zur schönen Aussicht»

Theater heute - Logo

Im Hotel «Zur schönen Aussicht» haben sich Personal und Bausubstanz mit dem Bankrott des guten Namens abgefunden. Die Marmorverkleidung am Empfangsportal geht nahtlos in stockfleckige Wände über, in der Lobby lungern Möbel von unpfändbarer Qualität, im Gewölbe verdüstert sich die Historie eines Monumentalgemäldes zur Unkenntlichkeit. Das Restaurant: notorisch aufgestuhlt. Der Oberkellner: notorisch ungepflegt. Hier checkt niemand mehr ein. Außer es zwingt einen was.

Bühnenbildnerin Bettina Meyer hat eine ganze Filmkulissenwand in die Zürcher Schiffbauhalle eingezogen.

Dabei lässt sie die unwirtliche Grandezza des Industriedenkmals förmlich ins Hotelfoyer hineinwachsen. Gespielt wird Horváths frühe Komödie von 1926, die so zynisch heißt wie der Schauplatz. Dort hausen lauter männliche Falschspieler, die mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen gegenüber zwei weiblichen Gästen allerdings existenziell voll ausgelastet sind.

Zu lachen gibt es in Barbara Freys Inszenierung nichts. Es sei denn, man steht auf gefriergetrocknete Pointen. Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt ordnet diese «kalte Komik» in einem brillanten Programmheft-Beitrag historisch ein. Er versteht sie als Mittel ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2018
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Stephan Reuter

Weitere Beiträge
Die besonders All­gemeinen

Lifestyle-Bloggerin Maryam ist durchaus zu Kompromissen bereit. Zwar nicht, wenn es darum geht, sich die Milch für die dreijährige Tochter Delete abpumpen zu lassen, die immer noch gestillt wird. Auch nicht, wenn es um das abgelehnte Asylgesuch ihres Cousins Yousef geht, der überraschend abgeschoben werden soll. Aber an einer gutbezahlten Realityshow über...

Umbau als Chance

Beim Schlendern über das verschneite Niemandsland irgendwo zwischen Stadtautobahn und dem multikulturellen Kiez Oberhausen-Süd kann man selbst bei winterlichen Minusgraden ins Schwärmen geraten: So viel freier Platz für Kunst, davon können Städte dieser Größenordnung – Augsburg hat derzeit knapp 300.000 Einwohner – meist nur träumen. Hier im Nordosten, zugegeben...

Düsseldorf: Anpassung an Yuppieland

Die Frage, ob Shylock gut oder böse ist, ist erledigt. Shakespeares «Kaufmann von Venedig» kann im deutschen Theater nur ein Stück über Antisemitismus sein, kein antisemitisches Stück. Also kann Shylock heute nur beides sein: gut und böse. So will es auch Roger Vontobels Düsseldorfer Inszenierung. Mehrdeutig will sie sein, eine «Gesellschaftsüberprüfung», so...