Zeitlose Teilhabe
Aus dem Stegreif weinen, das kann nicht jede:r. Das ist das überschaubare Kunststück an der Sache. Ich habe damit schon als hormongefluteter Teenager vor meinen Klassenkamerad:innen geprahlt. «Money makes me cry» habe ich schon einmal gespielt, als Abschied vom Hamburger Schauspielhaus. Damals eine ziemlich sportive Veranstaltung. Ich habe für möglichst viele Schaulustige hintereinander eine Minute geheult. Dafür haben sie mir jeweils einen Euro gegeben.
Das ging viele Stunden so.
Draußen standen sie Schlange für diese Peep-Show, in der im Laufe des Tages das One-Trick-Pony glänzte, strauchelte und verfiel, bis es sich selbst den Gnadenschuss gab. Heute ist der Ablauf derselbe, und doch ist es ganz anders. Sechzehn Jahre später, als Prélude eines nach langem Lockdown Zug um Zug wiederbelebten Spielplanes, hat die Performance ihren Charakter verändert. Jetzt ist es so, dass die Gäste wegen der Hygienevorschriften in fünfminütigem Abstand zu mir kommen. Ich begrüße sie namentlich. Ich frage sie, wofür oder worum es sich in ihren Augen zu weinen lohnt. Was meiner Tränen wert wäre. Dabei reden wir nicht von dem Obulus, den sie mir alle in meinen Klingelbeutel an dem langen Stock ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 88
von Wiebke Puls
Der Philosoph Walter Benjamin schrieb in seinen Thesen «Über den Begriff der Geschichte» nicht nur über ein Bild von Paul Klee, sondern auch über das Phänomen der Siegesgeschichtsschreibung. Das Kulturgut selbst ist nicht frei von Barbarei, weil es sein Dasein nicht nur der Mühe der großen Genies, sondern auch all den namenlosen Zeitgenossen verdankt, auf deren...
Aber natürlich wird das Theater in zwanzig Jahren anders sein – in hundert Jahren allemal. Und es versteht sich, dass das Theater keinen Bogen ums Digitale machen kann. Allen Anhängern des analogen Theaters sei das zugerufen: Ja, es wird ein digitales Theater geben. Mein Spiegel im Bad klebt schon von den Aerosolen dieses Ausrufes, mein Bücherregal im Arbeitszimmer...
Da war doch was. Richtig, ganz links hinten im Keller, dort, wo die alten abgelegten Selbstfeiern von Intendanten (damals in aller Regel männlich) lagern, die sich in dicken Büchern nach fünf Jahren Amtszeit eine «Ära» bescheinigt und in teuren Prachtbänden eingesargt haben, da wartet er geduldig, der einsame, graue Diamant. «War da was?» hieß demonstrativ...
