Wurzelgemüse der Vergangenheit
Am Ende bleibt die Erde als letzter, als einziger zuverlässiger Bote, der berichten kann, von dem, was geschah. Oder eben auch nicht geschah – im Schloss Rechnitz, Österreich, im April 1945. Elfriede Jelineks verschränkt in ihrem «Rechnitz (Der Würgeengel)» die Frage, was im Schloss der Gräfin Batthány in der Nacht zum 25. April 1945 mit den 180 jüdischen Zwangsarbeitern geschah mit dem literarisch-theatralen Modus des Botenberichts. Der Text durchwatet gekonnt die Untiefen der Erinnerung und des Nicht-Erinnern-Wollens irgendwo zwischen Wahrheit, Gerücht und Wahrscheinlichkeit.
In Weimar übernehmen das Waten fünf Ensemblemitglieder, und Regisseurin Simone Blattner dreht zusammen mit der Bühnenbildnerin Martin Mitok kurzerhand Bühne und Zuschauerraum. Alle blicken ins Parkett und die zwei Ränge, bedeckt mit Erde und zwei Spruchbändern in Frakturschrift, die von «Fresse» und «Freiheit» künden. Das dürfte auch Sprachzauberin Jelinek gefallen.
Adrett eingepackt in weißen Smokings tänzeln die fünf Bot:innen durch den Text, der vor allem eine wortreiche Verantwortungsabwälzungsmaschine ist. Dreckig machen sie sich nicht, brav bleiben sie meist auf ihrer Plattform und üben sich in ...
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Theater heute Juni 2026
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Torben Ibs
Drei Frauen skandieren, leicht zeitversetzt, in drei verschiedenen Sprachen. Zwei frontal von der Bühne, eine oben im Rang. Sie fallen sich ins rhythmisch artikulierte Wort und zitieren, kaum verständlich, den polnischen Widerstandskämpfer und Holocaust-Augenzeugen Jan Karski, der 1943 dem US-Präsidenten Frank D. Roosevelt und anderen amerikanischen Würden -trägern...
Im Dezember las ich einen Rückblick auf 13 Jahre Gorki in der «Süddeutschen Zeitung». Der Rezensent würdigte das Projekt «Geschichten von Menschen mit Migrationserfahrungen», lobte die Diversität des Ensembles und hob die in seinen Augen wichtigen Regiehandschriften und Inszenierungen und Themensetzungen hervor. Dabei fiel in einem kleinen Nebensatz auch die...
Sind wir nicht alle Flaneure durch das kurze Leben, Schiffe zu einem Hafen, den wir nicht kennen, Gäste einer Herberge, bevor die Postkutsche des Abgrunds eintrifft? So schreibt es der portugiesische Dichter Fernando Pessoa, für den das wohl ganz besonders gilt. Sein «Buch der Unruhe» gelangte zu Weltruhm, obwohl es nur Fragmente enthält: Melancholische Aphorismen...
