Wuppertal: Wüstenhölle
Ein grölender Trupp nationalsozialistischer Kader um Hermann Göring bittet in der Hölle um Petroleum-Nachschub. Goethes Marthe Schwerdtlein serviert gebratene Engelsflügel. Mephisto flambiert die Nazis in einem Lavastrom. Ein gewisser Max Reinhardt versucht in Jerusalem, all das vor König Salomon auf die Bühne zu bringen. Und die jüdische Autorin des intertextuellen Höllentrips beschließt mitten in einem Interview, zu sterben.
Was klingt wie eine neue Revenge-Geschichtskorrektur aus der Feder Quentin Tarantinos, nur diesmal auf LSD, ist das viel zu selten gespielte Spätwerk «IchundIch» von Else-Lasker Schüler.
Mit dem Schauspiel Wuppertal wagt sich endlich wieder ein Theater an das bitterkomische, todtraurige Drama. Intendant Thomas Braus hat daraus sogar ein aufwändiges Mehrspartenprojekt inklusive Minifestival gemacht, das das drastisch unterfinanzierte, tapfer kämpfende Haus allerdings nur über Sponsorengelder stemmen und deshalb auch nur eine Woche lang zeigen kann.
Die israelische Regisseurin Dedi Baron übersetzt das fiebrige Drama in assoziative Fragmente, Loops, Untergangsbilder, verlorene Choreografien, Gebets- und Trauergesänge. Dafür hat Bühnenbildnerin Kristen ...
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Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Cornelia Fiedler
Während ich diesen Text schreibe, bin ich angespannt. Heute, am 1. September, einem Sonntag, hat sich neuer Protest formiert. Die Demonstration findet am Hong Kong International Airport statt und hat seine Schließung zum Ziel, einfach dadurch, dass eine große Menge Menschen dort steht. Die Demonstranten sind unbewaffnet, nur einige von ihnen sind mit Helmen oder...
Von dieser Seite droht nichts Neues. Das Festival von Avignon in seiner 73. Ausgabe zeigt geradezu exemplarisch das Debakel einer arrivierten, institutionell etablierten, selbstgefälligen Linken in Frankreich. «Il faut réinventer la gauche», werden die soziologischen Revolutionäre um Didier Eribon, Edouard Louis, Geoffroy de Lagasnerie nicht müde zu rufen: Man muss...
Der schmutzig kleine Bruder der auch schon nicht sehr glamourösen Möbelpackerbranche ist die Zwangsräumung. Zusammen mit einem Trupp ähnlich grauer Gestalten ist Walter Scholl in diesem Job gelandet, der sich, wie David Nawraths Debütfilm «Atlas» bald schon zeigt, seinerseits meist in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Denn hinter jeder Entmietung steckt ein...
