Wortmusikers Heimatsprache
Wenn man genau hinsah, konnte man die zukünftige Hauptfigur von Guy Krnetas neuem Stück bereits auf einer Bühne erkennen. Im Maßstab 1:87 stand sie da im Foyer des Theaters Basel, inmitten einer Modelleisenbahnlandschaft, inmitten eines Abends eines anderen Theatermachers, inmitten von Stefan Kaegis Stück «Mnemopark», das in einem Modellversuch die Konstruktion des Landschaftsidylls Schweiz offenlegte.
Die kleine Figur, die man da sehen konnte, war eine Nachbildung von Jules.
Jules ist Knecht auf dem Hubacherhof, dem Kindheitsort der Schauspielerin Rahel Hubacher, die an diesem Abend als zentrale Leitstelle das gesamte Bühnengeschehen überwachte. Jules stand da, gelehnt an ein Gatter, und schaute auf Modellkühe, ebenfalls im Maßstab 1:87. «Jeden Sonntag», berichtete Rahel Hubacher leise durchs Mikrophon, «fährt Jules auf seinem Motorfahrrad in die nahegelegene Stadt Langenthal ins Spital, um die Krankenschwestern zu besuchen. Den Kühen gibt er ihre Namen, die Namen der Krankenschwestern.» Damit ist Jules bereits abgespielt. In diesem Projekt ging es nicht um ihn, sondern um den Ort, an dem er lebt, um den Hof, auf dem seit kurzem das Vieh der Baggervermietung weichen musste, und ...
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Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 153
von Judith Gerstenberg
39 Kritiker haben ihren geballten Sachverstand angestrengt, die Saison vorm unbestechlichen inneren Auge Revue passieren lassen und unter Qualen, wie immer unfehlbar und selbstlos, entschieden: die Spitzenleistungen der Spielzeit, die Achttausender der Bühne!
Nach stundenlangem Kampf neigt sich die Bunkerdecke ein letztes Mal. Die Blechgeschirre mit der Henkersmahlzeit scheppern zu Boden, Leichen rutschen malerisch über die Schräge, dumpfes Wummern liegt in der Luft. Nur zwei Recken können noch aufrecht stehen: Gunther und sein braver Hagen, der ihm noch im Untergang den Rücken zur Sitzgelegenheit krümmt. Treu bis in...
Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter‚ die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht machen weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf.» Fast dreißig Jahre ist...
