Wortloser Verrat
Jing Xiang ist nicht nur metaphorisch sprachlos. In der Rolle der Luisa Strozzi scheint ihr tatsächlich jede Möglichkeit der Artikulation zerschlagen. Mund, Augen, Mimik, Atmung, alles will antworten, will Empörung herausschreien. Doch es kommt nur der Schatten eines Lautes, «n’ …, a’ …», ein kompletter Vertrauensverlust binnen Sekunden. Es ist ein leiser, aber unheilbarer Generationenbruch im Florenz des Jahres 1537, den Regisseurin Nora Schlocker in ihrer Bochumer Inszenierung des «Lorenzaccio» präzise einfängt.
Ein mächtiger Adeliger hat Luisa belästigt, ihr sexualisierte Gewalt angedroht. Jetzt erfährt ihr Vater Filippo (Stefan Hunstein) davon, ein Mann, der gern aus dem Publikum heraus revolutionär-moralische Reden schwingt. Er erstarrt und sagt und tut: nichts.
Ob es die Angst ist, die Filippo in diesen wortlosen Verrat an seiner Tochter treibt, oder das Wissen, dass der Täter Teil eines nicht zu stürzenden, sich selbst reproduzierenden Machtapparats ist, bleibt unausgesprochen. Es könnte auch noch mehr sein. Das Bewusstsein, dass das lebenslange Zaudern einer Elterngeneration aktiv die Welt zerstört hat, in der ihre Kinder weiterleben sollen. Julia ist nicht als ...
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Theater heute 6 2022
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Cornelia Fiedler
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