No anarchy of love and beauty

Das Urteil im Fall Jan Fabre zeigt, dass auch im Graubereich klare Regeln gelten

Theater heute

Ich entschuldige mich aufrichtig bei jeder, die sich verletzt fühlt, bei jedem, der sich wegen mir schlecht gefühlt hat. Ich wünsche ihnen die Anarchie der Liebe und der Schönheit» – diese handschriftlichen Zeilen hatte der belgische Künstler und Choreograf Jan Fabre während des Prozesses gegen ihn wegen sexueller Belästigung seinen Anwält:innen zur Übermittlung an die Klägerinnen mitgegeben.

Eine widersprüchliche Botschaft, die vermutlich Teil des Problems war: Was für Fabre unter «Anarchie der Liebe und der Schönheit» fungierte, brachte einige seiner Mitarbeiterinnen in sexuelle Zwangslagen und berufliche Zwickmühlen. 

Nachdem der künstlerische Leiter der Antwerpener Kompanie Troubleyn 2018 in einer Talkshow geprahlt hatte, dass es in seiner Truppe nie Probleme mit sexueller Belästigung gegeben habe, publizierten zwanzig zum Teil ehemalige Mitglieder seiner Truppe in der belgischen Kulturzeitschrift «Rekto:Verso» einen Offenen Brief. Darin gaben sie zu Protokoll, dass Fabre sehr wohl übergriffig geworden sei, etwa bei angeblich künstlerischen Nacktfotoses -sions, und Sex im Austausch für Solo-Auftritte gefordert habe. Elf von ihnen, die zwischen 2000 und 2018 mit Fabre gearbeitet haben, sowie das Institut für die Gleichstellung von Frauen und Männern erhoben in der Folge Klage gegen den Künstler wegen Demütigungen, grenzüberschreitendem Verhalten und Machtmissbrauch. 

Ende April fiel schließlich das Urteil: Der Angeklagte habe «mit strafbarem Vorsatz» gehandelt, «indem er sich wiederholt und persönlich jungen Tänzerinnen seiner Tanzkompanie näherte und unerwünschte sexuelle Handlungen an ihnen vornahm», so das Gericht. «Durch seine Handlungen schuf der Angeklagte ein feindseliges und demütigendes Arbeitsumfeld, in dem seine Tänzerinnen arbeiten mussten.» Fabre erhält dafür 18 Monate Haft auf Bewährung, den Verlust seiner bürgerlichen Rechte für fünf Jahre, und er muss jeder der klagenden Zivilparteien einen symbolischen Euro zahlen. Das wie der gesamte Prozess in Abwesenheit des Angeklagten verkündete Urteil liegt somit ziemlich exakt zwischen den Forderungen von Staatsanwaltschaft (drei Jahre) und Fabres Anwält:innen (Freispruch). 

Letztere zeigten sich «froh, dass die Karikatur, die von unserem Mandanten angefertigt wurde, durch das Urteil entkräftet wurde». «Vom Slogan ‹No sex, no solo› ist im Urteil nichts übrig geblieben», befand Fabres Anwältin Eline Tritsmans. «Das dämonische Bild, Jan Fabre sei ein Tyrann, der keinen Widerspruch duldet, kommt darin nicht vor.» – Der persönliche und berufliche Schaden für den «bekann -testen lebenden Künstler Belgiens» dürfte dennoch beträchtlich sein: Ein lebens -großes Selbstporträt von Fabre als Statue wurde auf Antrag von Studierenden aus dem Antwerpener Kunstzentrum entfernt; auch die künftige Förderung von Troubleyn ist ungewiss. 

Im Vorfeld des noch nicht genehmigten Vergewaltigungsprozesses gegen den 79-jährigen Regisseur Dieter Wedel behauptete sein Anwalt Thomas Fischer im «Spiegel», dass der Schauspielberuf «möglicherweise Menschen» anzöge, «die Schwierigkeiten haben, Grenzüberschreitungen richtig einzuschätzen». Dagegen und gegen weitere abenteuerliche Unterstellungen, die das Problem auf die Seite der Opfer zu wälzen versuchen, protestierte der Verein Pro Quote letztes Jahr scharf. Künftig wird ihnen auch das Urteil gegen Fabre zur Seite stehen: Es gibt nämlich durchaus Regeln im Graubereich der Kunst, auch wenn sie Grenzüberschreitungen für sich in Anspruch nimmt. 


Theater heute 6 2022
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Die Frage, wie es gesagt wird

Beim Heidelberger Stückemarkt kann es passieren, dass ein Autor zum ersten Mal sein Werk gesprochen hört. Philipp Gärtner ist es so ergangen, und als er nach der 40-minütigen Lesung aus seinem Drama «Olm» zum Nachgespräch auf die Bühne kam, sagte er: «Ich glaube, ich bin da hart an der Grenze der Verständlichkeit, vielleicht sollte ich noch mal ausmisten …?» Gärtner, das spürte man, war...

Eskalierende Exekutive

Der Hamburger Hansaplatz ist einer jener Orte, an denen die großstädtischen Widersprüche ungebremst aufeinanderprallen. Zentral im Viertel St. Georg gelegen, nur ein paar Schritte hinter dem Deutschen Schauspielhaus, hat sich der 1878 angelegte Platz zum Kriminalitätsschwerpunkt entwickelt, mit offenem Drogenhandel, Trinker -szene und Sexarbeit. Andererseits grenzt der Hansaplatz im...

Am windigen Puls der Realität

Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Diese Laudatio ist 912 Seiten lang. Aber nur der erste Teil. Ich brauche so viel Platz zum Erklären, warum in Wolfram Lotz’ letztem Theaterstück «Die Politiker» plötzlich kein Igel mehr vorkommt. Aus 7000 Wörtern Text besteht dieses Drama, und kein einziges davon ist «Igel». Das gab es noch nie. Von den anderen Hauptdarstellern seiner Sprache,...