Pur, ernst, lustig und präzise

Ein Porträt der Schauspielerin Stella Hilb, derzeit in Hannover. Über Erfolg, Dranbleiben, Humor und noch ein paar wichtige Erfahrungen

Wenn sich Tante Juli an ihre Schwester erinnert, wie diese durch die Berliner Straße, einen der berüchtigtsten sozialen Brennpunkte von Kaiserslautern, stolzierte, denkt sie an «die Strahlefrau». Sie sei so aufrechten Hauptes über den Asphalt gegangen, dass die Gutbürgerlichen sie manchmal für eine der ihren gehalten hätten. Sie liebte Gedichte, erzählt Tante Juli, hatte Träume und ging nach der neunten Klasse von der Schule ab. Ihr erstes Kind wird tot geboren. «Das war das Ende der Strahlefrau.

» Ruhig, fast emotionslos spricht Stella Hilb auf der Bühne des Ballhof Zwei in Hannover diese Sätze. In der Rolle der Tante Juli erzählt sie von deren stolzer Schwester. Von dieser späteren Mutter von vier Kindern, die regelmäßig von ihrem Mann, einem Alkoholiker, zusammengeschlagen und am Ende depressiv wurde. Die sich mühsam durchs Leben hangelte und früh an Krebs verstarb. Ganz aufrecht steht Stella Hilb dann da, ihre Hände sind tief in die Taschen einer schwarzen, billig glänzenden Daunenjacke vergraben, ihre lockigen Haare hochgesteckt. Ihr Blick geht geradeaus, ist stolz, herausfordernd und auch ein wenig bitter. Und dann tänzelt die zierliche 36-Jährige wie ein Boxer auf der Stelle, ...

STELLA HILB, geboren 1986 in Frankfurt/Main, arbeitete nach dem Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf als freie Schauspielerin. Seit der Spielzeit 2019/20 ist sie Ensemblemitglied am Schauspiel Hannover

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 6 2022
Rubrik: Akteure, Seite 26
von Katrin Ullmann

Weitere Beiträge
Grammgenaue Details

«Drogenabhängige sind die besten Schauspieler. Das sagen dir alle. Die spielen dir vor, was du willst», heißt es relativ am Anfang des Stücks. Und dann stehen da drei Schau -spieler:innen, Jenny Weichert, Gerd Zinck und Paul Trempnau, und spielen Drogenabhängige. Nein. Anders. Sie diskutieren darüber, distanzieren sich bewusst vom Spiel, streiten über Egoismus und...

Suchlauf und Showroom 6/22

Suchlauf

TV-Hinweise und Streaming für Juni

3./FREITAG 20.15, arte: Leanders letzte Reise 
Spielfilm, Deutschland 2017, Regie Nick Baker Monteys, mit Jürgen Prochnow, Petra Schmidt-Schaller, Suzanne von Borsody u. a. Nach dem Tod seiner Frau will sich der 92-jährige Eduard seiner Vergangenheit stellen und fährt in die Ukraine, wo er im Zweiten Weltkrieg als Soldat...

Der Überlebende

Wer sollte in Joshua Sobols «Ghetto» Jacob Gens spielen, den jüdischen Polizeichef und Herrn über Leben Tod im Wilnaer Ghetto 1942/43, den Mörder und Kollaborateur mit den Nazis, der sich die Hände schmutzig machte und viele in den Tod schickte, um einige vielleicht zu retten oder ihnen vielleicht wenigstens noch eine Gnadenfrist zu erhandeln? Peter Zadek fragte...