Wir Sklavenhal­ter*innen

Über uns, die wir es sogar noch schaffen, unsere mörderische Faulheit als Nachhaltigkeit zu verkaufen

Theater heute - Logo

Was wird anders nach Corona? Angesichts der Entscheidungen, die wir als demokratische Staaten bereits getroffen haben: rein gar nichts. Milliardenhilfen wurden für jene Sektoren beschlossen, die an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen den entscheidenden Anteil hatten. Sie können ihre Arbeit nun zu Ende führen: Fluggesellschaften, Erdöl- und Autokonzerne. Natürlich haben die gleichen Regierungen sich auch für Finanzhilfen für weniger systemrelevante Sektoren entschlossen, etwa die Theater.

Aber das ist Solidaritäts-Deko, denn auch hier sind es die Großen, die von den Finanzhilfen strukturell am meisten profitieren.

Was mich persönlich angeht, so hat etwa meine eigene Theatercompagnie, das International Institute of Political Murder, den Lockdown gerade so knapp überlebt. Das staatliche NTGent mit seinen vier Sälen und 100 festen Mitarbeiter*innen aber, das ich leite, hat aufgrund der flämischen Rettungspläne sogar Geld dazugewonnen. Natürlich lassen wir so viel davon wie möglich zu den Künstler*innen fließen, deren Vorstellungen ausgefallen sind. Das ist aber eine recht einsame Ausnahme, eine Geste. Denn die Regel im Theaterbetrieb lautet vor wie nach Corona: Wer nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 40
von Milo Rau

Weitere Beiträge
Box in der Box in der Box

Theater bietet Raum. Was in ihm dargeboten wird, ist unmittelbar und lebendig, stimulierend, reaktionsfähig, sinnlich, transitorisch, gedanken- und gefühlsstiftend, ist abänderlich, verrückt, realitätswidrig und realitätsnah, widersprüchlich und exorbitant – es ist theatral. Und es wird sich die letzte verschlossene Kammer theatraler Fantasie niemals öffnen können,...

Meet the opposite

Gob Squad haben sich immer schon mit dem realen Raum außerhalb des Theaters beschäftigt, die Theatralik im Alltäglichen gesucht. Und die Umstände und Bedingungen, unter denen etwas entsteht, zum Thema gemacht und mit auf die Bühne gebracht. Wir haben in den meisten unse­rer Projekte gezielt die Einmaligkeit des Augenblicks markiert. Nun in der Krise haben sich...

Vorbauten des Unbehagens

Ausgerechnet die Balkone, diese ja auch theaterhistorisch mit einiger Bedeutung aufgeladenen Luftorte, ob real in Shakespeares Verona oder als Metapher in der ungenannten Stadt bei Genet, sind während der Pandemie, in der wir uns noch immer befinden, zu Vorbauten des Unbehagens geworden. Von Balkonen aus wurde in vielen Ländern jenen prekarisierten Arbeiter*innen...