Vorbauten des Unbehagens

Kunst als politischer Reflexionsraum und Antikörper gegen Vereinfachung und Verblödung

Ausgerechnet die Balkone, diese ja auch theaterhistorisch mit einiger Bedeutung aufgeladenen Luftorte, ob real in Shakespeares Verona oder als Metapher in der ungenannten Stadt bei Genet, sind während der Pandemie, in der wir uns noch immer befinden, zu Vorbauten des Unbehagens geworden. Von Balkonen aus wurde in vielen Ländern jenen prekarisierten Arbeiter*innen Applaus gespendet, deren Held*innen-Status gerade in der erwartbaren Halbwertzeit zu verblassen beginnt.

Die Bilder der isoliert auf Balkonen musizierenden Italiener*innen – hierzulande schnell als Ausdruck eines wie auch immer gearteten solidarischen Miteinanders gelabelt – konnten darüber hinwegtrösten, dass man den Italiener*innen ja gerade noch mit bangem Gefühl beim Sterben zugesehen oder gar weggeschaut hatte.

Auch bei uns am Gorki war in der ersten, noch pandemiefreien Spielzeithälfte das Bild eines Balkons zu sehen – mit der Künstlerin Sanja Ivekovic im Fokus, die auf dem Sonnenstuhl eine Masturbation andeutet, während unter ihrem Apartment die motorisierte Staatsparade Titos vorbeifährt. Was, am 10. Mai 1979, sogleich die Polizei auf den Plan gegen die lediglich performte weibliche Lust rief.

Ivekovic entwirft ...

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Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 44
von Shermin Langhoff