Vorbauten des Unbehagens

Kunst als politischer Reflexionsraum und Antikörper gegen Vereinfachung und Verblödung

Theater heute - Logo

Ausgerechnet die Balkone, diese ja auch theaterhistorisch mit einiger Bedeutung aufgeladenen Luftorte, ob real in Shakespeares Verona oder als Metapher in der ungenannten Stadt bei Genet, sind während der Pandemie, in der wir uns noch immer befinden, zu Vorbauten des Unbehagens geworden. Von Balkonen aus wurde in vielen Ländern jenen prekarisierten Arbeiter*innen Applaus gespendet, deren Held*innen-Status gerade in der erwartbaren Halbwertzeit zu verblassen beginnt.

Die Bilder der isoliert auf Balkonen musizierenden Italiener*innen – hierzulande schnell als Ausdruck eines wie auch immer gearteten solidarischen Miteinanders gelabelt – konnten darüber hinwegtrösten, dass man den Italiener*innen ja gerade noch mit bangem Gefühl beim Sterben zugesehen oder gar weggeschaut hatte.

Auch bei uns am Gorki war in der ersten, noch pandemiefreien Spielzeithälfte das Bild eines Balkons zu sehen – mit der Künstlerin Sanja Ivekovic im Fokus, die auf dem Sonnenstuhl eine Masturbation andeutet, während unter ihrem Apartment die motorisierte Staatsparade Titos vorbeifährt. Was, am 10. Mai 1979, sogleich die Polizei auf den Plan gegen die lediglich performte weibliche Lust rief.

Ivekovic entwirft ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2020
Rubrik: Antworten auf die Zukunft, Seite 44
von Shermin Langhoff

Weitere Beiträge
«Wir wissen nicht, wie Theater funktioniert»

Wolfgang Kralicek Herr Voges, als Sie im April 2019 von der Stadt Wien eingeladen wurden, sich für die Intendanz des Volkstheaters zu bewerben, hatten Sie es noch nie von innen gesehen. Wann waren Sie denn zum ersten Mal drin?

Kay Voges Das war im Mai letzten Jahres. Damals lief gerade nichts, weil das Haus an die Wiener Festwochen vermietet war, Ersan Mondtag...

Von Null zur Autorschaft

Grad noch Büchner, jetzt Euripides. Es ist bemerkenswert: So gut wie ausschließlich klassische Stoffe hat Leonie Böhm auf die Bühne gebracht. Angefangen mit «Nathan die Weise» 2017 am Thalia-Theater und «Yung Faust» 2019 an den Münchner Kammerspielen – beide eingeladen zum Festival Radikal Jung. Dann «Fuck Identity, Love Romeo» (Bremen), «Die Räuberinnen» (München)...

Die längeren Denkbögen

Eva Behrendt Lassen Sie uns über Selbstbewusstsein reden! Moment, Selbstbewusstsein ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist eher ein Nicht-gefallen-Müssen, das mir auffällt, wann immer ich Sie auf der Bühne oder Leinwand sehe. Ist Selbstbewusstsein die Voraussetzung für das Nicht-gefallen-Müssen?

Sandra Hüller Vielleicht meinen Sie Selbstvertrauen?...