Winzige Aufstände, gigantische Systeme
Von der Eisernen Lady Margaret Thatcher ist der Ausspruch überliefert: «So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen.» Der Slogan markiert nach landläufiger Meinung den Auftakt für den Neoliberalismus in Europa, der bald schon ein Heer an versprengten Ich-AGs über die Märkte schwemmte und zivilgesellschaftliche Institutionen ins freie Spiel der «Singularitäten» auflöste.
Wie es um Großbritannien nach dem Thatcherismus bestellt ist, erzählt eindrücklich das Langgedicht «Let Them Eat Chaos» von Kae Tempest aus dem Jahr 2016.
Mit traurigem, empathischem Blick streift Tempests Lyrisches Ich zu nächtlicher Stunde um 4 Uhr 18 durch London, linst in Wohnungen und entdeckt Menschen, die wie erloschen wirken: Vereinzelt sind sie, verbraucht vom überfordernden Alltag, von auszehrenden Berufen, von Partys und Drogen, von den Social Media, die den Blick fürs Wirkliche verstellen, auch für die Krise hinterm Tellerrand, die ökologische. «The Sickness in this culture and the sickness in our hearts is a sickness that’s inflicted by this distance that we share. / Unsere kranke Kultur und unsere kranken Herzen kranken an dem Abstand, den wir halten», sagt Tempest. ...
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Theater heute Januar 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Christian Rakow
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