Wien: Ritter der Kokosnuss

nach Christian Kracht «Imperium»

Der Abend beginnt mit einer Provokation für Kokovoren und andere Fleischverächter. Auf der Bühne werden Schweinskoteletts gebraten, und damit es auch wirklich alle im Publikum riechen können, fächelt der Koch den Zuschauern den Bratenduft entgegen. Wir befinden uns an Bord eines Dampfers, mit dem der Nürnberger Lebensreformer August Engelhardt im Jahr 1902 gerade unterwegs zu den deutschen Kolonien in der Südsee ist. Die Koteletts verweigert er bei Tisch ebenso wie den Rotwein, er bevorzugt in Wasser aufgelöste Heilerde.

Seine Mitreisenden sind fassungslos: «Ist das sowas wie Paläo?»

Den Helden von Christian Krachts Roman «Imperium» (2012) hat es wirklich gegeben. Engelhardt war überzeugter Nudist und Kokovore – was bedeutet, dass er sich ausschließlich von Kokosnüssen ernährte, die er für das «pflanzliche Abbild Gottes» hielt. Auf einer kleinen Insel im Pazifik betrieb er eine Kokosplantage und gründe­te einen «Sonnenorden». Der ironisch-maliziöse Roman ist Kolonialismussatire und zeitgeschichtliche Farce zugleich: Dass Adolf Hitler zur selben Zeit wie der harmlose Spinner Engelhardt an seiner Herrenmenschenideologie zu basteln begann, lässt Kracht im Hintergrund anklingen.

Jan-Ch ...

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Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Wolfgang Kralicek

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