Wie viele Jobs verträgt ein Ich?

Roland Schimmelpfennig: «Der Tag, als ich nicht mehr ich war»

In Hans-Christian Andersens Märchen «Der Schatten» geht dieser seinem Herrn verloren und macht sich selbständig. Zu Beginn heiter skurril, endet die Geschichte denkbar düster. Der Doppelgänger gewinnt an Realität und Macht und wird zum Mörder seines ehema­ligen Herrn. Ein Alptraum nach Kafkas Art. Der Verlust der eigenen Identität, Entfremdung, kollektive Ent­individualisierung, trügerische Wahrnehmungen – das Motiv des Doppelgängers, in allen Künsten zu allen Zeiten präsent, steht für die existenziellen Ängste des modernen Menschen.

Roland Schimmel­pfennigs «Der Tag, als ich nicht mehr ich war», ebenfalls eine Geschichte, in der sich ein Mann verdoppelt und in Konkurrenz zu sich selbst tritt, geht den umgekehrten Weg. Schrecken und Irritation über das Erscheinen des ungebetenen Besuchs sind groß, weichen aber zunehmend einer zwischen Neid und unterdrückter Leidenschaft schwingenden Ambi­valenz. Das doppelte Ich wird quasi zum Lebenselixier, Ausdruck eines zweiten Lebens, ohne dass das erste öde und trostlos erscheint.

Es ist eine klassische Kleinfamilie, die der Autor uns in stilisierter Spießigkeit vorführt. Ein Milieu, fast an die 50er erinnernd: Einfamilienhaus, Garten mit ...

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Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 178
von Sonja Anders