Roland Schimmelpfennig; Foto: Arno Declair

Wie viele Jobs verträgt ein Ich?

Roland Schimmelpfennig: «Der Tag, als ich nicht mehr ich war»

In Hans-Christian Andersens Märchen «Der Schatten» geht dieser seinem Herrn verloren und macht sich selbständig. Zu Beginn heiter skurril, endet die Geschichte denkbar düster. Der Doppelgänger gewinnt an Realität und Macht und wird zum Mörder seines ehema­ligen Herrn. Ein Alptraum nach Kafkas Art. Der Verlust der eigenen Identität, Entfremdung, kollektive Ent­individualisierung, trügerische Wahrnehmungen – das Motiv des Doppelgängers, in allen Künsten zu allen Zeiten präsent, steht für die existenziellen Ängste des modernen Menschen.

Roland Schimmel­pfennigs «Der Tag, als ich nicht mehr ich war», ebenfalls eine Geschichte, in der sich ein Mann verdoppelt und in Konkurrenz zu sich selbst tritt, geht den umgekehrten Weg. Schrecken und Irritation über das Erscheinen des ungebetenen Besuchs sind groß, weichen aber zunehmend einer zwischen Neid und unterdrückter Leidenschaft schwingenden Ambi­valenz. Das doppelte Ich wird quasi zum Lebenselixier, Ausdruck eines zweiten Lebens, ohne dass das erste öde und trostlos erscheint.

Es ist eine klassische Kleinfamilie, die der Autor uns in stilisierter Spießigkeit vorführt. Ein Milieu, fast an die 50er erinnernd: Einfamilienhaus, Garten mit Fichte, der Vater im Anzug jeden Morgen zur Arbeit, zwei Kinder – Zwillinge! –, die Tage und Nächte in Gewohnheit und Abgelöschtheit vor sich hinlaufend. Auch der Sex könnte besser sein. Ein miefiges Ambiente, welches allerdings, bevor es überhaupt entstehen kann, mit dem ersten Satz gebrochen wird: «Ein Mann kommt nachhause, / und er ist schon da.» Die klassische Schimmelpfennigsche Realismusverweigerung, richtungsweisend für Zuschauer und Theatermacher. Ein Spiel um Iden­titäten, Wahrnehmungsverschiebungen und Möglich­keiten beginnt. Die Figuren beschreiben, widerrufen, überschreiten sich selbst, bis der Betrachter nicht mehr weiß, was wahr, wer was und wer wahr ist. Zudem ist das Phänomen der Verdoppelung ansteckend, bald gesellt sich auch eine zweite Frau dazu, das Chaos ist perfekt, nicht nur für die zwei Vorstadt-Spießer. Denn ungleich freier, unbekümmerter, lässiger als sie sind ihre Duplikate, schlafen nackt und öfter auch mit­einander, leben sich aus, führen ihre Originale in Welten, von denen diese bisher nichts ahnten – und an die verhasste Fichte im Vorgarten legen sie ganz einfach die Säge an, kreischend, kichernd …

Raum für Sehnsucht und Hoffnung

Thomas Bernhards Maxime gemäß, jeder Mensch habe drei Leben, ein tatsächliches, ein eingebildetes und ein nicht wahrgenommenes, spielt Schimmelpfennig in seinem neuen Stück freudvoll mit der Vervielfältigung – oder Aufspaltung – seiner Figuren. Offensiv behauptet er Fantasie und radikale Brüche, dramaturgische Form und Manierismus, fließend gehen Irrealität und Realität ineinander über, überlagern sich Schleifen und Varianten. Das ist nicht neu, aber hier macht es ohne Zweifel Sinn. Schließlich ist die Sache mit unserem Ich oder Selbst, Geist, Charakter, Identität … schwierig, und Philosophie, Religion und Psychologie streiten nicht umsonst darüber, was es ist, dieses Ich, und wie viele. In Film und Gaming wird das Doppelgängermotiv dagegen ganz selbstverständlich genutzt: Avatare, Klone, virtuelle Zweit­identitäten und Second-Life-Charaktere gehören einfach dazu. Da kann Theater natürlich nicht mithalten, perfekter Realismus ist nicht seine Sache, und Illusion und Fantasie sind gnadenlos angewiesen auf die Übereinkunft mit dem Publikum, auf dessen Abstraktionsfähigkeit, Einlassung, Glauben.

Schimmelpfennig schöpft, wie so oft, aus einem weiten Repertoire an Bezügen – mythologischen, gegenwärtigen, literarischen, popkulturellen, märchenhaften. Nicht ganz zufällig sind die Kinder der doppelten Eltern, die Vorstadt-Zwillinge, wundersamerweise in der Lage, die Sonne und den Mond aufgehen zu lassen. Und als kosmologische Komponente haben sie natürlich kein Doppel nötig (was bei Kleists Amphitryon ganz anders ist). Man könnte sich fragen, ob sie das Elend der Existenz ihrer Eltern erst noch vor sich haben. Vielleicht aber sind sie auch kleine Götter. Oder, noch besser, sie haben ihr Leben einfach im Griff, sind sich selbst genug, brauchen kein zweites Ich. Letzteres wäre einmal eine erfrischende Sichtweise auf die kom­mende Generation. «Der Tag, als ich nicht mehr ich war» spielt jedenfalls – und das ist in der heutigen Dramatik selten – mit dem Raum für Sehnsucht und Hoffnung. Zwischen Realität und Wunsch gibt es bei Schimmelpfennig eine Dialektik, die sich komödiantisch und optimistisch niederschlägt. Unzulänglichkeiten, Zufälle, Missverständnisse bieten Stoff zum Lachen – und gleichzeitig das Angebot der Erkenntnis, dass unser Leben Träume braucht. Um am Morgen wieder ins Büro gehen zu können.

Sonja Anders ist Chefdramaturgin am Deutschen Theater Berlin. 


Theater heute Jahrbuch 2017
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 178
von Sonja Anders