Wie die Äxte im Walde
Tausend Äxte, die an Seilen vom Bühnenhimmel herabbaumeln, ein monströs großes Kruzifix, ein endlos langer Putin-Tisch, auf dem ein Spielzeugpanzer seine Runde dreht: Es sind eindrucksvolle Bilder, die Oliver Frljic gemeinsam mit Igor Pauška (Bühne) und Maja Mirkovic (Kostüme) für seine Adaption des Dostojewski-Romans «Schuld und Sühne» ausbaldowert hat. Die Frage stellt sich nur, inwiefern sie einen Mehrwert darstellen, der über den kurzzeitigen Überwältigungseffekt hinausgeht. Darstellerisch jedenfalls wird oft nur an der Oberfläche gekratzt.
Vieles bleibt Behauptung, verdeutlicht sich nicht durchs Spiel.
Als da wäre die zentrale Gestalt Raskolnikow – in Dostojewskis meisterhafter Charakterstudie dargestellt als ein ständig fiebernder, halbverhungerter, von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen gepeinigter Mann. Ein größenwahnsinniger, hochintelligenter, armer Jurastudent, der aus Habgier zum Doppelmörder wird. Er haut der Pfandleiherin ein Beil in den Kopf, und auch deren zufällig auftauchende Schwester muss dran glauben. Der Zweck heilige die Mittel, so Ras -kolnikow, wie im Falle Napoleons und anderer großer Männer. «Was bedeutet das Leben dieser bösen Alten?», denkt er, «doch ...
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Theater heute 10 2022
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Verena Großkreutz
Noch bevor alle Zuschauer:innen ihre Plätze eingenommen haben, wird die vierte Wand durchbrochen. Und zwar vom Kamerakran, der weit in den Saal des Hamburger Schauspielhauses hineinfährt und dem Publikum so direkt auf die Pelle rückt. Auge in Kameraauge steht man sich da gegenüber, und das penetrant vor einem filmende Gerät erinnert dabei an das Monster, das im...
Der Drache ist ziemlich schick. Und weiblich: Mit platinblondem Pagenschnitt und schwarzem Hosenanzug könnte er (Vanessa Bärtsch) ohne Weiteres auch Prada tragen. Er schnaubt an der E-Zigarette und muss vom vielen Vapen heftig hüsteln. Vanessa Bärtsch spielt neben der Drächin aus der Chefetage auch Mariechen, die gestiefelte Katerkatze, höchst akrobatisch und eben...
Max Stirner (1806 bis 1856) mochte keine großen Ideen. Weder Wahrheit noch Gerechtigkeit, weder Gemeinschaft noch Güte, schon gar nicht Religion oder andere Menschheitserlösungsgedanken, nicht einmal Allgemeinbegriffe wollte er akzeptieren. Nur «das Ich» – kompromisslosen Egoismus – ließ der philosophische Bilderstürmer gelten, obwohl auch das genau genommen ein...
