Das große Nicken

Sebastian Hartmann nähert sich im Deutschen Theater Berlin dem philosophischen Exot Max Stirner – «Der Einzige und sein Eigentum»

Theater heute - Logo

Max Stirner (1806 bis 1856) mochte keine großen Ideen. Weder Wahrheit noch Gerechtigkeit, weder Gemeinschaft noch Güte, schon gar nicht Religion oder andere Menschheitserlösungsgedanken, nicht einmal Allgemeinbegriffe wollte er akzeptieren. Nur «das Ich» – kompromisslosen Egoismus – ließ der philosophische Bilderstürmer gelten, obwohl auch das genau genommen ein Allgemeinbegriff ist, wenn mehr als ein Ich darunter fallen soll.

Vielleicht hat Hegels Zeitgenosse zu viele von dessen Vorlesungen besucht, jedenfalls hat er dabei eine grundlegende Abneigung gegen jedes Systemdenken entwickelt. 

Mit pragmatischer Ichbehauptung und dem daran angelehnten Eigentum hat er sich als anarchistisches Kuriosum in die Philosophiegeschichte eingebracht und aus seinem einzigen Gedanken auch nur ein einziges Buch geschrieben: «Der Einzige und sein Eigentum». Wenn er denn überhaupt zur Wahl gehen würde – auch Demokratie ist eine große Idee –, würde Stirner heute wohl sein Kreuzchen in der äußersten rechten Trump-Ecke machen, bei den Libertären. Obwohl er die Freiheit als Idee dann auch wieder ablehnt. 

Trotzdem hat er einen entscheidenden Punkt getroffen. Denn sein Ich-Kult ist der Grundgedanke eines ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 10 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Wie die Äxte im Walde

Tausend Äxte, die an Seilen vom Bühnenhimmel herabbaumeln, ein monströs großes Kruzifix, ein endlos langer Putin-Tisch, auf dem ein Spielzeugpanzer seine Runde dreht: Es sind eindrucksvolle Bilder, die Oliver Frljic gemeinsam mit Igor Pauška (Bühne) und Maja Mirkovic (Kostüme) für seine Adaption des Dostojewski-Romans «Schuld und Sühne» ausbaldowert hat. Die Frage...

Mutter, Vater, Kind

So viel Kontroverse wie in diesem Sommer gab’s bei Salzburger Festspielen schon lange nicht mehr. Doch diesmal war es keine radikale Inszenierung, die für hitzige Debatten sorgte; kein Theaterskandal, nirgends. Es war vielmehr die politische Haltung der Festspiele selbst, die in der Kritik stand. Umstritten war einerseits das Engagement des griechisch-russischen...

Vierte Wand

Der Drache ist ziemlich schick. Und weiblich: Mit platinblondem Pagenschnitt und schwarzem Hosenanzug könnte er (Vanessa Bärtsch) ohne Weiteres auch Prada tragen. Er schnaubt an der E-Zigarette und muss vom vielen Vapen heftig hüsteln. Vanessa Bärtsch spielt neben der Drächin aus der Chefetage auch Mariechen, die gestiefelte Katerkatze, höchst akrobatisch und eben...