Wer, wenn nicht ich?
In der Münchner Theatertopografie gilt das Residenztheater seit jeher als Hort repräsentativer Hochkultur, während man den Kammerspielen von Haus aus grenzüberschreitenden Innovationswillen zuschreibt. Historisch betrachtet mag das überwiegend zutreffen, bei näherem Hinsehen bekommt dieses aufgeräumte Weltbild allerdings vermehrt Risse. Zumindest was ästhetische Spannweite und politische Brisanz des Spielplans betrifft, hat das Resi in letzter Zeit – nicht nur dank der Auswärtseinsätze eines Frank Castorf – deutlich aufgeholt.
Trotzdem machen die abrupten Lagenwechsel im Repertoire mitunter ein wenig schwindelig. Glaubt man sich an einem Abend schon mal unverhofft in einer posthumen Gastvorstellung der Kleinen Komödie am Max II (die es seit acht Jahren nicht mehr gibt), so sanft und selig aus der Zeit gefallen plätschern die Pointen des vorletzten Jahrhunderts im Edelboulevard-Goldfischglas, tobt tags darauf im Marstall der balkanische Bär: wüsteste Publikumsbeschimpfung, blutiges Gemetzel an Aushängeschildern deutscher Kultur von Kant über Brecht und Fassbinder bis – ja, ausgerechnet Castorf, Pollesch und Resi-Intendant Martin Kusej. Bundespräsidiale Weiheworte über deutsche ...
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Theater heute Juli 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 4
von Silvia Stammen
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