In der Schicksalszentrifuge
Ein Stoffhund, der zu Beginn hinter einem Rollator her auf die Bühne geschleift wird und dort als kurioses Gesprächsthema zweier tüddeliger alter Damen herumliegt – kann der einem ans Herz gehen? Aber ja: Während der zweieinhalb Stunden, auf die Mario Salazars Episodenstück am Theater Baden-Baden komprimiert ist, plaudern Catharina Kottmeier als Waltraut und Nadine Kettler als Irmgard wie in einem Loriot-Sketch immer wieder darüber, dass «der Willi» – offenkundig Waltrauts Hund – «morgen 112 Jahre alt wird».
Genauso regelmäßig «gesteht» Irmgard, dass sie während Waltrauts gesamter Ehe ein Verhältnis mit deren Mann Rainer hatte. Dass dieser Rainer längst tot ist, hindert ihn wiederum nicht daran, selbst auf der Bildfläche zu erscheinen, Waltraut Avancen zu machen und dann doch mit Irmgard abzuziehen.
Und da kommt er dann, der Moment, als Catharina Kottmeier allein auf der Bühne zurückbleibt, ebenfalls aufbrechen will, durch einen Zug am Rollator den Hund erstmals zum Stehen bringt – und, als er (natürlich) wieder umfällt, sich ihm zuwendet und mit einem Gesichtsausdruck des Begreifens und der Trauer jäh Waltrauts Verluste beglaubigt, die in den bissigen Altweiberdialogen in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2015
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Andreas Jüttner
Vor zwei Jahren hat sie mit ihrem Debutstück «Von den Beinen zu kurz» auf Anhieb den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen. Nun gab es nach dem ersten Erfolg von Katja Brunner eine weitere Uraufführung eines Stückes, dieses Mal inszeniert von der Regisseurin, die in Hannover für «Von den Beinen zu kurz» eine entrückte Bildwelt erfunden hat. Man denkt an diese...
Wien hat die Schlacht wacker bestanden», berichtet die «Berliner Zeitung» am Tag nach der Premiere von Frank Castorfs jüngster Dostojewski-Inszenierung «Die Brüder Karamasow». Der Berichterstatter wirkt erkennbar mitgenommen, wenn auch um Sachlichkeit ringend. Er hatte «Heroismus bis zur Schmerzgrenze» gesehen und Menschen am Rande des Zusammenbruchs: «Keiner in...
Als der dem KZ entkommene Jude Edgar Hilsenrath, geb. 1926, Ende der 60er Jahre für seinen Roman «Der Nazi und der Friseur» einen deutschen Verlag suchte, hagelte es Absagen: Tollkühn erschien der Versuch, den Holocaust aus der Perspektive des Täters zu erzählen, unzumutbar die Geschichte des Massenmords als wilde, pornografische Kasperlegroteske. In den USA...
