«Wer spielt, lebt»
Cheering up? Wirklich? In einer Zeit, in der die Realität anmutet wie ein überproduziertes Endzeitdrama – nur ohne Pause, ohne Pointe? Die Gegenwart gleicht einem frontal entgleisten Schnellzug. Der Himmel: ein leerer Bildschirm. Die Luft: gesättigt mit Meinung, aber erschreckend arm an Haltung. Die Gesellschaft wühlt sich durch Debatten wie durch Schuttberge, während unter der Oberfläche längst das Fundament bröckelt.
Und dann die Frage: Wie halte ich mich bei Laune?
Ganz einfach: gar nicht. Ich stürze, jeden Tag aufs Neue. Und das mit einer gewissen Konsequenz.
Ich inszeniere mein eigenes Scheitern als Akt der Würde. Gute Laune ist ein Konzept für Menschen mit Rücklagen und Balkon. Ich stehe am Rand, betrachte die Trümmer und frage mich: Ist das Licht dafür gut genug?
Ich denke oft an den Tod. Nicht aus Schwermut, sondern weil er mir den Abstand gibt, den der Tag verweigert. Der Tod ist ein stiller Begleiter. Kein Feind, kein Erlöser – vielmehr eine Konstante. Eine Absi -cherung gegen die Beliebigkeit des Tages. Eine Exit-Strategie, die nie gezogen werden muss, um wirksam zu sein. Beruhigend wie ein schwarzer Vorhang.
Das ist kein Ruf zur Selbstaufgabe. Keine postromantische ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2025
Rubrik: Cheering up, Seite 100
von Ersan Mondtag
In diesen düsteren Zeiten hat mich unser vierwöchiges Sportfest am Ballhaus Ost sehr glücklich gemacht. Es begann mit der Magie des Theatersaals, der sich mit bunten Linien auf dem Parkett, Netzen und Stadionleuchten in eine Sporthalle verwandelt hat – und dann mit kleinen Bühnenbildern, Lichtstimmungen wieder zu einem Theater wurde, aber eben zu einem...
Während ich diese Zeilen schreibe, weiß ich nicht, wie sich die Lage entwickeln wird. Was heute noch Gegenwart ist, kann beim Erscheinen dieses Textes bereits Geschichte sein. Oder eine Leerstelle. Oder nur noch Rauch.
Ich frage mich, ob die Erinnerung an Zeiten wie Krieg nicht auch ein kollektives Schreiben ist.
In den letzten Tagen habe ich Texte gelesen – von...
Heute Morgen aufgewacht. Mit dem ersten Kaffee der Blick in die Nachrichten: Die USA haben Ziele im Iran angegriffen. Krass. Im Radio ein Gespräch über den weltweiten Vormarsch (und die Scham -losigkeit) des neuen Faschismus. In der Zeitung eine neue Sonntagsfrage: Die rechtsextreme Partei hat wieder zugelegt. Ein paar Seiten weiter freut sich ein Vertreter der...
