Zeiten, die noch nicht so lange vorbei sind
Ich glaube, das Gebot der Stunde lautet Kooperation, im Gegensatz zu einer Gesinnung, in der es als Erfolg gilt, sich die Welt Untertan zu machen. Das 20. Jahrhundert ist noch nicht lange her, und es wuchert noch kräftig zu uns herüber. Angesichts der globalen Bedrohungslagen unseres Jahrhunderts ist jedoch Kooperation die einzig logische Schlussfolgerung – sollte man meinen.
Ich glaube, was wir gerade auf weltpolitischer Ebene erleben, ist das letzte große Aufbäumen gegen diese offenkundige Notwendigkeit.
Mag sein, dass mich die Zukunft Lügen straft, aber ich muss das so sehen.
Ich habe mal in einem Tierpark beobachtet, wie ein Wolfsrudel in blutigste Kämpfe miteinander verwickelt war. Wir haben erschrocken das Personal informiert. Sie haben abgewunken und erklärt, alles ganz normal, da steht gerade ein Generationswechsel an.
Eine mir willkommene Analogie: das in die Ecke getriebene Tier, das blindwütig um sich beißt, bis aufs Blut die eigenen Privilegien verteidigt und das Neue (und Unvermeidliche) mit allen Mitteln bekämpft.
Die Märchen von gestern
Im Verlauf meines Werdegangs am Theater habe ich auch einen Generationswechsel, oder richtiger, Gesinnungswandel erlebt. Ich arbeite heute ganz anders, als es mir in jungen Jahren am Theater vermittelt wurde. Und dieses «neue» Arbeiten stiftet in mir Hoffnung und Zuversicht. Fühlte ich mich vor zehn Jahren noch als Einzelkämpferin auf feindlichem Terrain und war als junge Frau Diskriminierung und harten Machtkämpfen ausgesetzt, so finde ich mich heute in einem Umfeld gewachsener Arbeitsbeziehungen wieder, die auf Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung basieren.
Ich wusste sehr früh, dass ich Regisseurin werden will und das mit einer recht großen Unabdingbarkeit. Aber es gab diesen einen Punkt, der mich stark verunsichert hat: Ich sah mich nicht herumbrüllen, manipulieren, anpeitschen und beleidigen. Und das im Nachhinein Witzige ist, ich hielt das für eine Schwäche. Heute weiß ich, dass die Märchen, die wir uns damals erzählt haben: «Gutes Theater entsteht durch Krisen», «Lass dir ja nicht in die Karten schauen», «Bloß niemals loben» und viel derlei mehr, Humbug waren. Besonders schön war «Als Regie musst du alle unter den Tisch saufen, sonst steigen sie dir aufs Dach». Ohne Worte. Aber zu lustig, um es unerwähnt zu lassen.
Um vom Besonderen wieder zum Allgemeinen zu kommen – all diese ulkigen testosterongetränkten Glaubenssätze aus dem späten letzten Jahrhundert folgten dem Gesetz des Stärkeren, das jetzt wieder so hoch im Kurs ist. Und einfach selbst und ganz konkret zu erfahren, dass es nicht nur auch anders geht, sondern die Arbeit in einem kooperativen und respektvollen Umfeld zu viel «besseren» Ergebnissen führt (mit «besser» meine ich, dem Ziel, das man sich vorher gesteckt hatte, näher kommen), gibt mir enormen Rückhalt. Und es macht das Leben auch einfach sehr viel schöner.
Kriegerische Stärke und soziale Stärke sind sehr verschiedene Dinge. Das permanente Aufrechterhalten der Behauptung, mehr zu wissen, mehr zu können, stärker zu sein, letztlich mehr zu sein, als mein Gegenüber, ist ungemein kräftezehrend. Einfach weil es jeder Grundlage entbehrt, ergo eine permanente Illusion erzeugen muss. Man nennt es auch Protzen. Diese Energie dagegen ins Kooperieren fließen zu lassen, ins Zusammenwirken und sich gegenseitige geistige und künstlerische Befruchten und dann gemeinsam etwas entstehen zu sehen, ist wahnsinnig befriedigend und sinnstiftend.
Experimentelle Kassenschlager
Ein weiterer tragender Aspekt ist für mich das Verhältnis zum Publikum, da das Theater (für die Phrase entschuldige ich mich im Voraus) ein Ort ist, an dem sich Menschen begegnen. Und auch das stiftet Sinn für mich in Bezug auf die Frage, die diesem Artikel zugrunde liegt. Nämlich was kann man «der Welt da draußen» entgegenhalten. Auch hier ein kleiner Rekurs auf die Zeiten, in denen es schick war, über das Abo-Publikum und den Freundeskreis zu lästern. (Denjenigen, die das immer noch tun, sei mit einem Augenzwinkern gesagt: Das ist so yesterday!)
Ich finde diesen Ort der Begegnung und Auseinandersetzung in diesen Zeiten nämlich sehr wichtig und nehme ihn dementsprechend ernst. Das äußert sich vor allem darin, dass ich mir mit meinen Teams und Ensembles mit allen Mitteln extrem viel Mühe gebe, dass die Zuschauenden erleben und empfinden und entdecken können, was wir in einem Stoff oder Bezugsfeld entdeckt haben. Dass sie so angeregt den Saal verlassen, wie wir es während der Proben hoffentlich waren. Dass sie etwas erlebt haben, sich mit dem Theater und uns verbinden können, wiederkommen wollen.
Dazu gehört, jede Form von Gefälligkeit und einfallsloser Konventionalität zu vermeiden. Ich halte es für arrogant, das Publikum abzufertigen mit dem Erwartbaren. Oder mit Bierzeltatmosphäre. Oder sie über Kitsch zu Tränen zu manipulieren. Ebenso arrogant ist es, dem Publikum selbstreferentielle Ergüsse vor die Füße zu werfen, die sich offensichtlich überhaupt nicht für es interessieren. Ich war lange an Theatern unterwegs, an denen es ein ungeschriebenes Gesetz war, und begegne auch heute noch oft der Logik, dass die Kassenschlager die Experimente finanzieren. Und ich bin sehr stolz darauf, nun schon seit längerem mit meinem Team so etwas wie experimentelle Kassenschlager vorweisen zu können. Und das hat was mit dem Verhältnis zum Publikum zu tun. Mit Ernst -nehmen und aufrichtigem Interesse, etwas Mitzuteilen oder miteinander zu befragen.
Dazu erfinden wir für jeden Abend eine eigene Form, die dem jeweiligen Anliegen versucht, gerecht zu werden, indem wir ihm eine eigene, einzigartige Sprache geben.
Das Publikum höchstpersönlich
Meine letzte Arbeit in Weimar mit dem nicht gerade bescheidenen Titel «Wir sind das Volk» ist dafür ein gutes Beispiel. Ich wollte nicht länger über Thüringen lesen, bei Journalist:innen und Soziolog:innen, sondern mit den Thüringer:innen selbst sprechen. Sprich, mit unserem Publikum höchstpersönlich. Und herausgekommen ist nicht nur eine gefeierte Inszenierung, sondern eine Lebenserfahrung, die mich für unser «Heute» wohl noch für einige Zeit wappnen wird. Die Begegnungen mit den 50 Menschen von Jahrgang 1929 bis 2008, von Bodo Ramelow bis ins Obdachlosenheim der Stadt, von der AfD-Wähler:in bis zur Geflüchteten, haben alle Kategorien und Schubladen durchkreuzt. Sobald man in direkten Austausch tritt, verpuffen nämlich die Chimären einer gespaltenen Gesellschaft und die einfachen Schuldzuweisungen gleich mit. Die Clickbait-Aufheizungs-Dynamiken werden im Nu ausgehebelt, sobald der Kontext dazukommt. Wo kommen bestimmte Positionen her, was sind die Lebensgeschichten dahinter. Und schon merkt man, man kann durchaus miteinander reden, und es lohnt sich. Das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich und alle Beteiligten. Und für das Publikum eben auch, ich bekomme nach jeder Aufführung so viele Zuschriften, ich habe das so noch nie erlebt. Und das beweist für mich, dass wir da etwas gemacht haben, wonach eben nicht nur mein Team und ich, sondern ein größeres Wir gerade dürsten, das wir gerade etwas brauchen, was im Theater stattfinden kann.
Ich muss also nicht allein zu Hause sitzen und ohnmächtig in Weltschmerz versinken. Ich darf mich stattdessen mit zugewandten, klugen und fantasievollen Menschen mit riesigen Themen auseinandersetzen, wir stellen zusammen was auf die Beine, und das präsentieren wir dann mit zittrigen Knien zur Premiere der Öffentlichkeit, stellen es zur Debatte. Verletzlich, aber mit offenen Karten. Das ist sehr viel. Das dürfen wir.
Und wenn dann noch der Kontakt zum Publikum, den wir uns gewünscht haben, tatsächlich zu Stande kommt, wir damit etwas bewegen konnten in den Menschen, die zu uns kommen, macht mich das zuversichtlich und auch glücklich, und ich spüre, ich will weitermachen.
rend der Proben hoffentlich waren. Dass sie etwas erlebt haben, sich mit dem Theater und uns verbinden können, wiederkommen wollen.
Dazu gehört, jede Form von Gefälligkeit und einfallsloser Konventionalität zu vermeiden. Ich halte es für arrogant, das Publikum abzufertigen mit dem Erwartbaren. Oder mit Bierzeltatmosphäre. Oder sie über Kitsch zu Tränen zu manipulieren. Ebenso arrogant ist es, dem Publikum selbstreferentielle Er -güsse vor die Füße zu werfen, die sich offensichtlich überhaupt nicht für es interessieren. Ich war lange an Theatern unterwegs, an denen es ein ungeschriebenes Gesetz war, und begegne auch heute noch oft der Logik, dass die Kassenschlager die Experimente finan -zieren. Und ich bin sehr stolz darauf, nun schon seit längerem mit meinem Team so etwas wie experimentelle Kassenschlager vorweisen zu können. Und das hat was mit dem Verhältnis zum Publikum zu tun. Mit Ernst -nehmen und aufrichtigem Interesse, etwas Mitzuteilen oder miteinander zu befragen.
Dazu erfinden wir für jeden Abend eine eigene Form, die dem jeweiligen Anliegen versucht, gerecht zu werden, indem wir ihm eine eigene, einzigartige Sprache geben.
Das Publikum höchstpersönlich
Meine letzte Arbeit in Weimar mit dem nicht gerade bescheidenen Titel «Wir sind das Volk» ist dafür ein gutes Beispiel. Ich wollte nicht länger über Thüringen lesen, bei Journalist: -innen und Soziolog:innen, sondern mit den Thüringer:innen selbst sprechen. Sprich, mit unserem Publikum höchstpersönlich. Und herausgekommen ist nicht nur eine gefeierte Inszenierung, sondern eine Lebenserfahrung, die mich für unser «Heute» wohl noch für einige Zeit wappnen wird. Die Begegnungen mit den 50 Menschen von Jahrgang 1929 bis 2008, von Bodo Ramelow bis ins Obdachlosenheim der Stadt, von der AfD-Wähler:in bis zur Geflüchteten, haben alle Kategorien und Schubladen durchkreuzt. Sobald man in direkten Austausch tritt, verpuffen nämlich die Chimären einer gespaltenen Gesellschaft und die einfachen Schuldzuweisungen gleich mit. Die Clickbait-Aufheizungs-Dynamiken werden im Nu ausgehebelt, sobald der Kontext dazukommt. Wo kommen bestimmte Positionen her, was sind die Lebensgeschichten dahinter. Und schon merkt man, man kann durchaus miteinander reden, und es lohnt sich. Das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich und alle Beteiligten. Und für das Publikum eben auch, ich bekomme nach jeder Aufführung so viele Zuschriften, ich habe das so noch nie erlebt. Und das beweist für mich, dass wir da etwas gemacht haben, wonach eben nicht nur mein Team und ich, sondern ein größeres Wir gerade dürsten, das wir gerade etwas brauchen, was im Theater stattfinden kann.
Ich muss also nicht allein zu Hause sitzen und ohnmächtig in Weltschmerz versinken. Ich darf mich stattdessen mit zugewandten, klugen und fantasievollen Menschen mit riesigen Themen auseinandersetzen, wir stellen zusammen was auf die Beine, und das präsentieren wir dann mit zittrigen Knien zur Premiere der Öffentlichkeit, stellen es zur Debatte. Verletzlich, aber mit offenen Karten. Das ist sehr viel. Das dürfen wir.
Und wenn dann noch der Kontakt zum Publikum, den wir uns gewünscht haben, tatsächlich zu Stande kommt, wir damit etwas bewegen konnten in den Menschen, die zu uns kommen, macht mich das zuversichtlich und auch glücklich, und ich spüre, ich will weitermachen.
Die Regisseurin LUISE VOIGT arbeitet u.a. in München, Weimar und Hannover und wurde mit ihrer Inszenierung «Die Gewehre der Frau Carrar» zum Berliner Theatertreffen 2025 eingeladen.
Theater heute Jahrbuch 2025
Rubrik: Cheering up, Seite 88
von
We are all made by our stories», lautet der stückprägende Satz in Deirdre Kinahans neuem Drama «Refuge». Und die These wird in der Diskussion der Figuren weiter beleuchtet durch die Fragestellung, wer die Prägung durch Geschichte und Geschichten (noch) ändern kann und wer die Determination akzeptieren muss. Diese Prägung betrifft fünf Menschen und einen Schatten, die Handlung ist auf zwei...
Die Aufführung des folgenden Stücks dauert 74 Minuten.» Mit diesem Satz eröffnen die Schauspieler:innen das neue Stück von Raphaela Bardutzky, Hausautorin am Staatstheater Nürnberg ab der Spielzeit 25/26. Genau 74 Minuten dauert ein durchschnittlicher Notfalleinsatz im Rettungsdienst in Deutschland, Beethovens 9. Sinfonie, dirigiert von Wilhelm Furtwängler im Jahr 1951, und das Putzen von...
In Zeiten wie diesen, nach einer vorgezogenen Bundestagswahl und einschneidenden Ereignissen im Oval Office, der politisch angestrebten Vereinbarung zu Sondervermögen und Schuldenbremse, ist man versucht, einen Kommentar zur politischen Lage und Stichworte zur Zeit zu liefern: als engagierter Bürger, Zeitgenosse oder analysierender Beobachter von Politik. Von einem Soziologen dürfen und...
