Weltfußballer

Kleist "Amphitryon" im Staatsschauspiel Nürnberg

Während Krieg herrscht, geht Anne Lenk ins Fuß -ballstadion. Ihr «Amphitryon», den sie im Nürnberger Schauspielhaus auf die Bühne schickt, kommt nämlich nicht aus der Schlacht, er kommt als Profikicker aus der Tiefe des Raumes, direkt aus der Umkleidekabine, verschwitzt und abgekämpft und glücklich mit dem riesigen Pokal. Er hat gewonnen, freilich nicht gegen die Athener auf leichenübersätem Schlachtfeld: Mit der thebanischen Mannschaft hat er vielmehr Ruhm auf dem grünen Rasen erlangt. Das soll ihm Alkmene nun lohnen mit Liebesnacht und Stolz auf den siegreichen Weltfußballer.

 

Doch die Spielerfrau, natürlich blond und ein bisschen tumb, ist schon befriedigt, da sie sich just mit einem Mann im Bette wälzte, den sie original für ihren Gatten hielt. Ein glattes Foul im Eheleben, denn – bleiben wir ruhig weiter in der Fußballsprache – es handelte sich um ein geschicktes, freilich auch hinterhältiges Täuschungsmanöver von Gott selbst. Jupiter zog sich das Trikot mit der Nummer 10 an, das eigentlich Amphitryon sonst trägt, und drang als Double in dessen heimischen Strafraum vor und ein. Nun steht er da, der mit Glanz, Gloria und Spott bekleckerte Stürmer, betrogen und vor allem nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 6 2022
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Bernd Noack

Weitere Beiträge
No anarchy of love and beauty

Ich entschuldige mich aufrichtig bei jeder, die sich verletzt fühlt, bei jedem, der sich wegen mir schlecht gefühlt hat. Ich wünsche ihnen die Anarchie der Liebe und der Schönheit» – diese handschriftlichen Zeilen hatte der belgische Künstler und Choreograf Jan Fabre während des Prozesses gegen ihn wegen sexueller Belästigung seinen Anwält:innen zur Übermittlung an...

Der Überlebende

Wer sollte in Joshua Sobols «Ghetto» Jacob Gens spielen, den jüdischen Polizeichef und Herrn über Leben Tod im Wilnaer Ghetto 1942/43, den Mörder und Kollaborateur mit den Nazis, der sich die Hände schmutzig machte und viele in den Tod schickte, um einige vielleicht zu retten oder ihnen vielleicht wenigstens noch eine Gnadenfrist zu erhandeln? Peter Zadek fragte...

Wortloser Verrat

Jing Xiang ist nicht nur metaphorisch sprachlos. In der Rolle der Luisa Strozzi scheint ihr tatsächlich jede Möglichkeit der Artikulation zerschlagen. Mund, Augen, Mimik, Atmung, alles will antworten, will Empörung herausschreien. Doch es kommt nur der Schatten eines Lautes, «n’ …, a’ …», ein kompletter Vertrauensverlust binnen Sekunden. Es ist ein leiser, aber...