Was das Leben so einschenkt
In einer rabenschwarzen Nacht hämmert eine hochschwangere Frau an die Türen einer Klinik, die direkt aus der mörderischen US-Thriller-Serie «Ratched» stammen könnte: Wer hier landet, der ist in schlechten Händen. Man sucht Hilfe und findet bloß Sadismus. Sibylle Bergs Roman «Toto oder Vielen Dank für das Leben» (2012) berichtet maximal zynisch von der Außenseiter-Existenz des Neugeborenen, das systematisch zugrunde gerichtet wird.
1966, irgendwo in Ostdeutschland: Das Baby wird als «Ding» bezeichnet, sein Geschlecht ist uneindeutig.
Intersexualität kennt man nicht, Abweichung wird im Arbeiter-und-Bauernstaat nicht geduldet: Kurzerhand wird Toto zum Buben erklärt. Ein denkbar schlechter Start ins Leben, aber besser wird es nicht. Ersan Mondtag inszeniert die Uraufführung von Sibylle Bergs Bühnenfassung zu Beginn als bilderstarkes, düsteres Horror-Musical. Wie in Rainer Werner Fassbinders Trans-Passionsfilm «In einem Jahr mit 13 Monden» (1978) dominieren Hass, Ablehnung und Spott. Für einen wie Toto gibt es nirgends Liebe. Gnadenlos sind die Szenen im Kinderheim, wenn Sabine Haupt mit 1980er-Jahre-Power-Dressing-Kostüm (und einer Neigung zu Selbstexperimenten mit Lachgas) für Angst ...
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Theater heute Dezember 2024
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Karin Cerny
Ein Alptraum in stechendem Mittelhellblau. Wer das Gutshaus im «Apfelgarten», einer launigen «Kirschgarten»-Überschreibung erstaunlich unfrei nach Tschechow von Dörte Hansen und (Regisseur) Antú Romero Nunes betritt, sollte seine Farbempfindlichkeit stark herunterschrauben. Das grelle Setting mit meterhohen Wänden in steriler Wandfarbe (Matthias Koch) signalisiert...
Nino hat einen Traum. Gut, er hatte schon viele Träume, der vorletzte hat ihn in einen Zweiradschrauber verwandelt. Irgendwann davor dürfte er vom ewigen Glück mit Erik geträumt haben, seinem vernunftgesteuerten Lebenspartner, zu dem Nino lange aufrichtig aufgeschaut hat. Länger als gut war. Jetzt jedenfalls steht Nino in diesem abgerockten Wirtshaus, glüht vor...
Hallo», heißt es oft zu Beginn der Aufführungen des Regisseurs Christopher Rüping von der Bühne ins Publikum, und ein Gespräch wie auf Augenhöhe scheint im Hier und Jetzt anzuheben, welches das Publikum erst nach und nach als kunstvoll um es herum gewobenen, geschickt an es adressierten und seine Einbeziehung nicht nur suggerierenden, sondern sanft erzwingenden...
