Von Gretchen bis Grollfeuer
Als Doris Schade 1962 in Fritz Kortners legendärer «Othello»-Inszenierung die Desdemona spielte, war sie kein williges Opferlamm, kein unschuldig naives Mädchen, sondern eine moderne junge Frau. Sie bestach, wenn man die Kritiken und Erzählungen nachverfolgt, durch eine subtile Mischung aus Sanftmut, Klarheit und Entschlossenheit. Obgleich von einer kindlichen Gläubigkeit an den Gatten gefesselt, kehrte sie selbstbewusst die venezianische Dame heraus.
In ihrer Zuneigung zu Othello war sie so gefangen, dass sie ihn nicht anzuschauen wagte, als er zu Beginn des zweiten Aktes nach dem Sturm vor ihr stand. Und doch warf sie ihm mutig und kokett eine Kusshand zu. In der Todesszene schließlich fügte diese Desdemona sich keineswegs in ihr Schicksal. Sie wehrte sich panisch: floh, schrie und bäumte sich auf – eine Szene, die das Publikum irritierte und erschütterte. Hier durchbrach eine Schauspielerin das gängige Rollenbild auf der Suche nach einer ihrer Zeit gemäßen, psychologisch motivierten Figurenführung. Rolf Boysen, als Othello besetzt, nannte sie seither immer seine «holde Kriegerin».
Selten sammelte sich so viel Theatergeschichte in einem Schauspielerleben: 70 Berufsjahre, ...
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Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Akteure, Seite 39
von Marion Tiedtke
Das erste Lothar-Gesicht, an das ich mich heute noch genau erinnere, gehört der gut zwanzigjährigen Suse. Sie spielt in Tankred Dorsts «Eisenhans» (1983) die behinderte Marga, die von ihrem Vater geliebt und missbraucht wird. Ein fatales Familiendrama aus dem Frankenwald, mit allen inzwischen aus Soaps und Reality-TV geläufigen, damals jedoch noch verstörenden...
Maria Becker, links als Elisabeth in «Maria Stuart» 1986, war eine «Königin im Formenreich», so der Kritiker Gerhard Stadelmaier: «Die Formen, die sie unnachahmlich herstellte, wurden ihr eigentlich mehr zu Partnern als die jeweiligen Kollegen, mit denen sie auftrat.
Es ging ihr, der herb Schönen, der mokant Unnahbaren, szenisch nichts wirklich nahe.» Man hat sie...
Auf die Idee hätte schon längst mal jemand kommen können: Im heißen Herzen der angesagtesten Kreativmeilen der Hauptstadt, wo nur die hipsten Hipster der internationalen Kunstszene operieren, also ungefähr ziemlich genau in der Pappelallee 15 am Prenzlauer Berg, wütet ein gefährliches Mainstream-Virus, das alle Gehirne infiltriert. Dieser phonetisch unscharfe...
