Von Gretchen bis Grollfeuer
Als Doris Schade 1962 in Fritz Kortners legendärer «Othello»-Inszenierung die Desdemona spielte, war sie kein williges Opferlamm, kein unschuldig naives Mädchen, sondern eine moderne junge Frau. Sie bestach, wenn man die Kritiken und Erzählungen nachverfolgt, durch eine subtile Mischung aus Sanftmut, Klarheit und Entschlossenheit. Obgleich von einer kindlichen Gläubigkeit an den Gatten gefesselt, kehrte sie selbstbewusst die venezianische Dame heraus.
In ihrer Zuneigung zu Othello war sie so gefangen, dass sie ihn nicht anzuschauen wagte, als er zu Beginn des zweiten Aktes nach dem Sturm vor ihr stand. Und doch warf sie ihm mutig und kokett eine Kusshand zu. In der Todesszene schließlich fügte diese Desdemona sich keineswegs in ihr Schicksal. Sie wehrte sich panisch: floh, schrie und bäumte sich auf – eine Szene, die das Publikum irritierte und erschütterte. Hier durchbrach eine Schauspielerin das gängige Rollenbild auf der Suche nach einer ihrer Zeit gemäßen, psychologisch motivierten Figurenführung. Rolf Boysen, als Othello besetzt, nannte sie seither immer seine «holde Kriegerin».
Selten sammelte sich so viel Theatergeschichte in einem Schauspielerleben: 70 Berufsjahre, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Akteure, Seite 39
von Marion Tiedtke
Ein hochsommerlicher Mittwochabend in Barcelona. Die Temperaturen haben sich gerade so auf unter 30 Grad Celsius abgekühlt, und im Sala Beckett, einem kleinen Haus für zeitgenössisches Theater im alternativ geprägten Stadtteil Gràcia, steht «El Principi d’Arquimedes» (Das Archimedes-Prinzip) auf dem Programm, ein Stück des Nachwuchsautors Josep Maria Miró i...
Wenn die Saison beginnt, darf Dr. Heinrich Faust nicht fehlen. Zum Beispiel in Frankfurt, wo Intendant Oliver Reese gerade ein Sparpaket akzeptiert und seinen Vertrag um fünf Jahre verlängert hat. Sein Jahresgehalt steigt dabei von 200.000 auf wundersame 240.000 Euro. Mehr über die Erfindung der Geldwirtschaft im ersten Akt von «Faust II»
Alvis Hermanis macht kein...
Die Vergabe des hochkarätigen Ibsen-Preises an Heiner Goebbels ist auch Indiz für die besondere Beziehung des norwegischen Theaters zu deutschen Bühnenexperimenten. Ein neuer Schub der Einflussgeschichte seit etwa 2000 – von Volks- und Schaubühne bis zu Gastregisseuren wie Armin Petras und Sebastian Hartmann – war offenbar so prägend, dass es kaum überrascht, nun...
