Johnny Zoss und das böse Virus

Agathe Chion «The final Scream Queen» Paranoide aller Länder, vereinigt euch»

Theater heute - Logo

Auf die Idee hätte schon längst mal jemand kommen können: Im heißen Herzen der angesagtesten Kreativmeilen der Hauptstadt, wo nur die hipsten Hipster der internationalen Kunstszene operieren, also ungefähr ziemlich genau in der Pappelallee 15 am Prenzlauer Berg, wütet ein gefährliches Mainstream-Virus, das alle Gehirne infiltriert.

Dieser phonetisch unscharfe «Na(r)zi-Keim», hinter dem sich weniger braune Kellerasseln als allgegenwärtige narzisstische Selbstdarsteller verbergen, sozusagen diktatorischer Narzissmus, steht kurz vor der Weltherrschaft, und kann nur durch den beherzten Eingriff von Johnny Zoss und seinen Getreuen verhindert wer­den, die die ganze Gegend in ein Splatter-Movie verwandeln, bis sie sich selbst zerstört.

Exploitationfilmer Zoss, von der Schlingensief-Heroine Kerstin Grassmann mit Turmfrisur, Sonnenbrille und einer gefriergetrocknet modula­tionslosen Stimme in eine Walküre der Coolness verwandelt, hat im Ballhaus Ost sein angemessenes Grindhouse-Kino gefunden: einen ramponierten billigen Schuppen mit versifften Kellerräumen, wo schmuddelige Kunstfilme entstehen, zusammengehalten vom unerschütterlichen Glau­ben an Experiment, Dilettantismus und Selbstdesign.

 ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Chronik: Berlin Ballhaus Ost, Seite 51
von Ffanz Wille

Weitere Beiträge
Spanische Schizophrenie

Ein hochsommerlicher Mittwochabend in Barcelona. Die Temperaturen haben sich gerade so auf unter 30 Grad Celsius abgekühlt, und im Sala Beckett, einem kleinen Haus für zeitgenössisches Theater im alternativ geprägten Stadtteil Gràcia, steht «El Principi d’Arquimedes» (Das Archimedes-Prinzip) auf dem Programm, ein Stück des Nachwuchsautors Josep Maria Miró i...

Pläne der Redaktion

Wenn die Saison beginnt, darf Dr. Heinrich Faust nicht fehlen. Zum Beispiel in Frankfurt, wo Intendant Oliver Reese gerade ein Sparpaket akzeptiert und seinen Vertrag um fünf Jahre verlängert hat. Sein Jahresgehalt steigt dabei von 200.000 auf wundersame 240.000 Euro. Mehr über die Erfindung der Geld­wirtschaft im ersten Akt von «Faust II»

Alvis Hermanis macht kein...

Antikenexpress und Abstellgleis

Man muss sich Ödipus als einen geduldigen Mann vorstellen. In seinem langen Leben musste er schon manche Überraschung verkraften, und auch danach war ihm wenig Ruhe vergönnt. Sigmund Freud hat auf seinen mythologischen Schultern eine Schule errichtet, mit der er die Pathologien der Moderne erklären wollte, und für die Hinterfragungslust der Ideologiekritik gilt der...