Verordnete Schönheit
Die Verschränkung von Kapitalismus und Pa -triarchat wird nirgendwo brutaler verhandelt als an weiblich gelesenen Körpern. Wenn die Form dieser Körper nicht der Norm entspricht, fällt das Urteil umso härter aus. In Laura Linnenbaums Bühnenadaption von Daniela Dröschers «Lügen über meine Mutter» ist es der mehrgewichtige Körper der Mutter, der als Zielscheibe der Abstiegsängste und Minderwertigkeitskomplexe ihres Ehemanns herhalten muss.
Ihr Körper ist schuld, dass ihr Ehemann nicht befördert wird, ihr Körper steht einem unbeschwerten Besuch im Freibad oder einem Strandurlaub im Weg, ihr Körper ist der Grund für alles, was im Leben der Familie schiefläuft. Abwechselnd schlüpfen Maria Munkert, Antoinette Ullrich und Ragna Pitoll in die Rollen der kleinen Ela, in die der Mutter und die des Vaters. Es wird nah an Dröschers Roman erzählt, der 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Im Zentrum der Erzählung steht die noch nicht zehn Jahre alte Ela, die im westdeutschen Hunsrück der 1980er Jahre aufwächst und versucht, ihren Platz in einem Konstrukt aus Lügen, Scham und Schuld zu finden, das um den Körper ihrer Mutter errichtet wurde.
Erst am Ende der Aufführung steigt ...
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Theater heute April 2024
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Yaël Koutouan
Bei uns warst du weltberühmt, da kannte dich noch kaum jemand. Auf dem Wilson-Gang im Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft bedauerten wir uns selbst als verlorene Generation. Früher (also neulich), da war alles besser: Wirth! Lehmann! Pollesch! (Dass diese selbsternannte Lost Generation ausgerechnet jene von She She Pop, Showcase, Gob Squad, Rimini...
Die Nachricht von Renés Tod erreichte mich am ersten Urlaubstag. Gerade trabte ich auf einem Schimmel durch die Berge in der Sierra Nevada. Es war mein erster Urlaub seit Langem. René mochte keinen Urlaub. Er mochte lieber zum Beispiel Pizza und danach noch Spaghetti.
Das erste Mal sind wir uns 1999 in einer Bar am Nollendorfplatz begegnet. Christine Groß und Tabea...
Die Theaterkritik von damals zu finden, war genauso schwierig wie damals die Suche nach dem Theater, in dem ein neuer Theatertext inszeniert wurde, den der Regisseur des Abends auch geschrieben hatte. Es war im November 1991 und auch deshalb so außergewöhnlich, weil sich das Ganze im pfälzischen Frankenthal ereignete. Dass es da eine zwar kleine, aber wohl doch...
