Verlust ohne Reue

Das Beste aus der Krise macht Sebastian Nübling mit Tennessee Williams’ «Endstation Sehnsucht» an den Münchner Kammerspielen

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Um es gleich mal vorweg zu sagen: Hier geht es nicht um Unterschichts-Tristesse und Statusverlustängste von ehemals Besserverdienenden. Oder zumindest nicht so, wie man es in letzter Zeit gewohnt ist – gepaart mit trüben Aussichten und chronischer Weltuntergangsparanoia. In Sebastian Nüblings Münchner Kammerspiel-Inszenierung von «Endstation Sehnsucht» ist man gerade dabei, es sich in der Krise so richtig gemütlich zu machen – zu Recht, schließlich könnte es für länger sein.

 
 

Als Tennessee Williams in den wirtschaft­lichen Aufbruchsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Erfolg als Dramatiker begründete, gab es zwar die Absteiger aus der verlorenen Selbstherrlichkeit der Südstaatenoberschicht, aber auch jede Menge potenzielle Aufsteiger aus der Masse der mittellosen europäischen Einwanderer. Manchmal begegnete man sich, beispielsweise in einem ärmlichen Appartement im französischen Viertel von New Orleans, für einen Moment voller Ressentiments, gegenseitiger Begehrlichkeiten und einer rauen Gier. Heute geht die Rutschpartie meist one way von oben nach unten. Man richtet sich ein, wo immer man vor­übergehend Halt gefunden hat, ist doch nicht damit zu rechnen, dass es so bald ...

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Theater heute März 2010
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Silvia Stammen

Vergriffen
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