Verlebte Leben

Juliane Hendes «Späti Paradies» (U) an der Neuen Bühne Senftenberg

Theater heute - Logo

Andis Späti mit dem klingenden Namen «Paradies» steht kurz vor seinem Endi. Denn seine Ex Marleen, die sich als erfolgreiche Ärztin aus dem tiefen Osten in den gelobten Westen abgesetzt hat – unter schnöder Zurücklassung ihres Partners –, hat das ererbte Haus verkauft, in dem Andi sich mit seinem kleinen Kiosk eingenistet hat. Wobei der Mini-Einzelhandel mit dem üblich Überlebenswichtigen zwischen Saftschorle, Hosentaschen-Wodka, Tampons und Dauerwurst ohnehin kein ernstzunehmender Umsatzbringer war, sondern eher eine Sozialstation für die örtlichen Verlassenen und Verlorenen.

Derer gibt es einige: Rentnerin Rosi mit der großen Klappe und dem goldenen Herzen, Ex-Alkoholikerin und seit 27 Jahren trocken, kann wunderbar über Pflicht und Leidenschaft, sprich Glück und Durchhalten philosophieren, wenn sie sich an wonnevolle Trunkenheit, aber notwendigen Entzug erinnert. Oder Klara, hingebungsvolle Pflegekraft und alleinerziehende Mutter mit Dauerschlafdefizit und chronisch schlechtem Erzieherinnengewissen dank Schichtdienst und gelegentlicher Sterbebegleitung. Dann wäre da Maik, dauerarbeitssuchend, weil beständig auf der Flucht vor einem Bullshitjob in den nächsten mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2026
Rubrik: Chronik, Seite 63
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Das Trio und die Dichterfürsten

Ein junger Mann steht vorne vor der Rampe des Weimarer Nationaltheaters, läuft an ihr entlang, wirft einen prüfenden Blick in den Zuschauerraum, als müsse er sich vergewissern, dass sich das Unterfangen lohnt. Ein Blick auf den neuen Ort, wo jetzt das Wesentliche, das Theater passieren soll. Der Startsequenz von Thomas Manns «Felix Krull» wohnt viel Anfang inne....

Liebe als Qual

«Ach!» bringt am Ende alles auf den Punkt; vereint das Verlangen und den Schmerz über das Trauerspiel der Penthesilea. Denn die vielen Worte, die sie bemüht hat, können ihr den geliebten Achill am Ende ja doch nicht zurückbringen. Gleich in sechsfacher Ausführung wird die Amazonenkönigin bei Alice Buddeberg am Schauspiel Magdeburg angelegt. Als Kollektiv...

Rückzug ins Private

In meinem Hotel in Wuzhen sind nicht nur an den Aufzügen, sondern manchmal auch irgendwo entlang der Korridore junge Menschen positioniert, die den Hotelgästen bei Bedarf den Weg weisen. Das mag überfürsorglich klingen, wird aber durchaus in Anspruch genommen – auch von mir. In dem gigantischen Resort-Hotel mit seinen vier Türmen und unzähligen Querverbindungen...