Verklebtes Erbe

Im Festspielhaus Hellerau blicken Kulturakteure zurück auf die künstlerischen Transformationen in Ost- und Mitteleuropa seit den 1990ern

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«Das sind nur die 90er, mein Freund, und das ist nicht mal bös’ gemeint.» So sang einst die Punk-Band But Alive über ihr identitätsstiftendes Jahrzehnt. Die Band ist inzwischen aufgelöst, ihr Sänger steht heute der Polit-Poprock-Combo Kettcar vor. Besonders im Osten, also in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas, waren die 1990er ein wilder Ritt zwischen liberalen Freiheitsutopien und Komplettzusammenbruch.

Immerhin, für die Entwicklung der freien Tanzund Theaterszene in diesen Ländern boten die implodierenden Räume vor allem Möglichkeiten, um sich selbst zu entwickeln und nach Jahren der Abschottung endlich Tore aufzustoßen gen Westen. Die Enttäuschungen kamen dann später, die Mühen der Ebene blieben.

Osteuropäische Unterschiede
Bilanz ziehen oder besser ein Resümee, das wollte jetzt das Europäische Zentrum der Künste Hellerau, das sich selbst als Teil dieser Transformationsgeschichte versteht. Zwei Tage lang versammelten sich 60 Theatermacher:innen im Festspielhaus, um sich über diese Zeit des Aufbruchs und Abbruchs auszutauschen, zu diskutieren und manchmal auch zu monologisieren. Denn so pauschal, so einheitlich, wie sich das Feld im naiven theaterhistorischen Blick darstellt, ist es nicht.

So waren die Künstler:innen des Balkans schon vor 1989 deutlich stärker isoliert als etwa Tschechen, Slowaken und Polen, die immerhin untereinander und mit der DDR einen gewissen Austausch pflegen konnten. Die baltischen und belarussischen Theaterleute wiederum waren als Teil der Sowjetunion anderen Zwängen ausgesetzt und orientierten sich im Falle des Baltikums nach der Freiheit eher in Richtung Ostseeraum, während Belarus bald wieder Diktatur wurde. Das zerbrechende Jugoslawien wurde im Bürgerkrieg zerrieben, das Kosovo führte einige Jahre später Krieg mit NATO-Unterstützung. Unterschiede sind bis heute offensichtlich, wenn es etwa um die Mitgliedschaft in EU oder NATO geht.

Überall gleich war wiederum bis 1989 die doktrinäre Ablehnung des zeitgenössischen Tanzes zu Gunsten des klassischen, russisch geprägten Balletts und des Volkstanzes. Die finanzielle Lage war gleichermaßen prekär, wer es allerdings mindestens mit Gastspielen ins westliche Ausland schaffte, konnte von den dortigen Gagen daheim ein gutes Leben führen. Das ist vorbei. «Die Politiker wollten Slowenien zur Schweiz des Ostens machen, bei den Preisen haben sie es geschafft», witzelt eine der Teilnehmerinnen nur halb ironisch. In den meisten Ländern kam es durchaus zum Aufbau von Theaterstrukturen mit eigenen Produktionshäusern und eigenen Festivals.

Am Tisch saßen vor allem Theaterproduzierende, entsprechend ging es neben Erinnerungen an die eigenen 1990er oft ums Geld. Ums Geld früher, das vor allem über ausländische Akteure wie amerikanische Stiftungen oder nationale Kulturinstitute bereit gestellt wurde, und um’s Geld heute, das von den Städten, Ländern und vor allem der EU kommt. Oder in einigen Fällen auch nur kam, so dass die Frage nach privaten Geldgebern wieder einmal im Raum steht. Auch im Osten nichts Neues.

Den Nachwuchs ans Ruder lassen
Spannender ist da die Frage nach der Zukunft der Gründungen aus den 1990ern. Viele von ihnen haben den Status einer NGO, die meisten arbeiten seit damals mit dem gleichen Führungspersonal. Wo ist da Platz für neue Künstler:innen und Initiativen? Die Anwesenden sehen das Problem, selbstredend nur bei den anderen. Es gebe ein «paradox of ownership», bei der zwar auf der einen Seite eine Institu -tionalisierung von Festivals und Zentren vorliege, aber diese dann doch personengebunden seien, zumindest sehe das so die Politik. Übergänge zu gestalten sei nicht einfach, zumal viele junge Macher:innen bezweifeln, die Energie zu haben, um die zahlreichen Anforderungen zu erfüllen. Sagen diejenigen, die diese Arbeit heute leisten.

So plädierte Mojca Jug, Gründerin des Mladi Levi Festival in Slowenien, für gradu -elle Übergänge. Sie habe das längst eingeleitet, und es gebe innerhalb ihrer Organisation genug fähige Kräfte, die den Laden übernehmen können. Erfolgreich ist die Übergabe beim Studio Alta in Prag verlaufen. Alica Minar, Orin Rodriguez, Tobiáš Nevřiva und Roman Poliak teilen sich die künstlerische Leitung des Zentrums für freies Theater. Wobei auch hier Fragen offen bleiben. «Meine kuratorische Tätigkeit zahlt gerade die Miete, ich muss also nebenbei noch etwas anderes machen, um leben zu können», plaudert Orin Rodriguez aus dem Nähkästchen.

So verwundert es kaum, dass auch im Rücklbick auf die 1990er die junge Generation ganz eigene Sichtweisen an den Tisch bringt – theoretisch, denn praktisch präsentierten die jungen Künstler:innen Kurzper -formances als Teil einer kleinen Residenz-Reihe. Ihre 15-minütigen Shows fokussieren eher auf den Höhepunkt des Neoliberalismus, Gewalt von Neo-Nazis oder geopolitische Fragwürdigkeiten. Freiheit wurde gegen Solidarität eingetauscht. Eindrucksvoll zeigt Mariia Bakalo in ihrer performativen Skizze «Moloko», wie die sowjetische Sozialisation immer noch alles durchdringt. Sie ist stark geschminkt und übergießt sich mit russischer gezuckerter Kondensmilch, der Moloko. Die zähflüssige Masse durchdringt alles. Das Versprechen von Freiheit hat es schwer gegen diese Klebeeffekte – und das über Generationen hinweg.

Konsum oder Kunst
Karol Filo liefert eine Lecture-Performance zu den Gewalttaten von Neonazis und wie rassistische Narrative, besonders gegen Roma, bis heute den slowakischen Diskurs prägen. Stanisław Bulder verwandelte den polnischen Katholizismus in eine Tanz-Nummer, die Performer:innen Bence Gyorgy Palinkas und Timea Torok ließen das Publikum zu einem Aufstellungskrieg rund um Krieg und Frieden antreten, Matia Kardash tanzte symbolisch im Dunkeln, und Toni Soprano-Menegleitje lud zur kryptischen Soundperformance. Die Arbeiten von Julia Gonchar, Panna Adojàni sowie Katarína Marková und Milo Jurani erschöpften sich in inszenierten Video- und Dia-Abenden zum Aufwachsen in diesen vorgeblich wilden Jahren. In der Kindheit standen wirtschaftliche Nöte im Vordergrund, zur Teilnahme am goldenen Westen fehlte das Geld zum Konsumieren.

Das lassen die älteren Zeitzeugen so nicht stehen. «Es gab die Menschen, die sich für Sushi und Wein entschieden haben und andere, die diesen Weg nicht gegangen sind», so der polnische Theatermacher Grzegorz Reske. Reske selbst ist aus dem rechtspopulistisch-nationalistischen Polen in die Nieder -lande gegangen und sieht sich dort nun mit den gleichen Tendenzen konfrontiert wie vor zehn Jahren in Polen. Im Osten taugen weder die sozialistische Vergangenheit, noch die Freiheitsversprechen des Westens (die vor allem enttäuscht haben) als Zukunftsmodell. Statt dessen fallen retro-nationalistische Erzählungen auf fruchtbaren Boden, die von goldenen Zeitaltern schwärmen, die es so nie gab. Damit ist der Osten im Westen angekommen oder der Westen im Osten. Was aber hilft gegen den Populismus? Die einzige Hoffnung wie immer: Solidarität. Die immerhin wurde stark behauptet unter den in Dresden tagenden Theaterleuten. Ob sie tragen wird, kann nur die Zukunft zeigen. 


Theater heute Februar 2026
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Torben Ibs

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