Vampir ohne Zähne
Der Mann ist ein Vampir und ein Seelendieb. Sagt zumindest seine Frau, und die muss es ja wissen. Die Rede ist von Hauptmann Edgar, der Hauptfigur aus Strindbergs «Totentanz», die Beschreibung passt aber auch auf Peter Zadek, der das Stück jetzt in Wien inszeniert hat. In seinem Fall ist die Metapher allerdings als Kompliment zu verstehen: Der Beruf des Regisseurs hat grundsätzlich etwas Vampirisches an sich. Er arbeitet stets unter Ausschluss von Sonnenlicht, und seine Kunst lebt vom Blut der Schauspieler, die er dazu verführen muss, ihm (und damit auch uns) ihre Seele auszuliefern.
Zadek wurde berühmt dafür, dass die Schauspieler in seinen Inszenierungen mehr Blut ließen als bei anderen, weniger charismatischen Vampiren. Sie waren offener, wilder, unberechenbarer, nackter, wahrhaftiger als das Stadttheater erlaubte. Zadek war ein gefürchteter Mann, ein Fürst der Finsternis. Heute ist er der letzte Feudalherr unter den Regisseuren und verbreitet hauptsächlich in der kaufmännischen Leitung Angst und Schrecken. Wer Zadek engagiert, muss erstens einen ganzen Hofstaat an Assistenten in Kauf nehmen, zweitens meist Tantiemen an seine Frau Elisabeth Plessen überweisen (die aus allen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Jetzt kommt das Mitmachtheater», fordert die Bühne. Applaus. «Und wer sind Sie?» «Ich bin Studentin der klassischen Archäologie in Gießen», sagt die junge Frau mit leiser Stimme aus dem Publikum. Applaus. Sie betritt die Bühne und weiß plötzlich ganz genau, wo alles ist: die Blockflöte, die OP-Masken, der Wischlappen. Sie ist blond, sie ist schüchtern. Sie könnte...
Wie wohl hätte man sich heute einen «Weltverbesserer» vorzustellen, einen, der von sich sagt, «mein Kampf ist ein Kampf um das Glück aller; sollte ich glücklich sein, so müssten es zuerst alle andern Menschen um mich herum sein»? Getroffen hat man ja schon länger keinen mehr.
Wäre so einer jung und bei Attac, wäre er ein übrig gebliebener 68er, wäre er eine...
Menschen rennen durch die Nacht. Erst waren nur ein paar Spaziergänger in Laufschritt gefallen, dann schwoll das Läufertrüppchen zum Rudel an. Jetzt dröhnt und knarrt der Bühnenboden unter den polternden Tritten der Turnschuhe und Badelatschen. Stumm wälzt sich die Herde, vielleicht auf der Flucht, vielleicht auf der Jagd, Runde um Runde über die «Ebene von...
