Unter Feinden
Zuzeiten ist der Kanon eine Gruft der lebenden Toten. Eine Ansammlung von Versen, Figuren, Handlungen, von denen man nicht lassen mag, weil einst eine bezaubernde Lebendigkeit in ihnen wohnte. Wer spätgeboren nach ihnen greift, findet nurmehr eine kalte leere Hülle. Den «Prinz von Homburg» von Heinrich von Kleist ereilte dieses Schicksal irgendwann am langen Ende des fatalen 20. Jahrhunderts, als die bundesdeutsche Nachkriegsphase in die Postmoderne abbog.
«In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!», dieser tönerne Schluss des Kleistschen Dramas klang da aus der Zeit gefallen, kontaminiert in zwei Weltkriegen, eine giftige Ertüchtigung für Krieger, die Gräber füllten. Das Ende der Geschichte (Fukuyama) war gekommen; und die Postmoderne kannte keine Opfer, außer vielleicht noch ästhetische. Also traf man Homburg auf den Bühnen vor allem in verschiedenen Dekonstruktionsübungen an, als Rudiment einer versunkenen Disziplinargesellschaft, bisweilen als weltlos wehleidigen Romantiker, dann wieder als Vorstadtkämpfer mit Underdog-Appeal, im Ganzen eine leicht jämmerliche Figur, der ihr Konflikt (ihre Schlacht) abhanden gekommen war.
Und jetzt ändert sich die Welt und Homburg mit ihr. An ...
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Theater heute Januar 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 21
von Christian Rakow
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