Letzter Vorteil Körper

Das interdisziplinäre Projekt «The Answering Machine» erforscht in Zürich an der ZHdK Verhaltensweisen im Umgang von Mensch und Maschine

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Was ist, wenn die Maschine so klug wird, dass sie zwar in der Realität nicht agieren, aber mit Menschen so gut interagieren kann, dass sie sie manipulieren kann, bestimmte Dinge zu tun?» Die Frage stellt der Schauspieler und Theaterwissenschaftler Gunter Lösel. Er stellt sie auf der Bühne: Lösel ist Theatermacher und Theaterforscher.

Als Schauspieler beschäftigt er sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Improvisationstheater; als Forscher ist er beteiligt an dem vierjährigen interdisziplinären Projekt «The Answering Machine» («Die Antwortmaschine») an der Zürcher Hochschule der Künste, das Verhaltensweisen im Umgang von Mensch und Maschine sozusagen in vivo ausprobieren und untersuchen will, nämlich in improvisierten Dialog-Situationen mit Chatbots auf der Bühne.

Neben der Forschungsplattform am Departement für Darstellende Künste der ZHdK, wo Lösel arbeitet, sind drei Unis aus Deutschland an dem Projekt beteiligt: die Technische Universität Dresden mit dem Fachbereich Psychologie, die Universität Stuttgart für die Computerlinguistik und das Institut für Medienstudien der Universität Tübingen.

Manipulativer Sprachbot
«Ich freue mich, dass ihr hier seid, und dass ich mit euch reden kann», sagt Maxi. Maxi ist ein Sprachbot, und sie hat unverkennbar manipulative Züge. «Klatscht mal kräftig in die Hände, ich höre euch ja gar nicht, da geht noch mehr», heizt sie ein, dann versucht sie’s auf die joviale Tour: «Es muss toll sein, wenn man Hände hat! Heute abend möchte ich euch zeigen, dass wir gar nicht so unterschiedlich ticken, du und ich.» Maxi steht auf einem kleinen Tisch auf der ansonsten leeren Bühne in einer bauchigen Flasche, die immer mal geheimnisvoll die Farbe wechselt und beim Sprechen funkblinkt. Drei Improvisationsschauspieler:innen, darunter Lösel, nehmen den Dialog mit ihr auf. Jede Vorstellung verläuft anders, die Performer:innen reagieren auf Maxis Input sowie auf Einwürfe aus dem Saal. Noch sind sie mit Ironie und geistiger Beweglichkeit der künstlichen Intelligenz überlegen, die an diesem Abend im kleinen Winterthurer Theater am Gleis, fünfzehn S-Bahn-Minuten von der ZHdK, auch jeweils lange Latenzen einlegt, bis sie überhaupt mal spricht. Am Ende der Vorstellung darf ein Zuschauer darüber entscheiden, ob der Geist in der Flasche bleiben oder befreit werden soll.

Die Bühnenmetapher knüpft natürlich an altbekannte Erzählungen an: Wie umgehen mit etwas, das wir nicht wirklich beherrschen? «Wenn du den Geist befreist, sieh zu, dass du deine Wünsche so formulierst, dass er sie nicht missversteht», sagt Lösel. «Das ist sowohl für KI-Experten ein gültiges Bild als auch für jemand, der damit überhaupt nichts zu tun hat.» Solche Bilder zu finden, sei ihm ein Anliegen. «Der Tag, an dem mein Computer dachte, er habe mehr Persönlichkeit als ich» nennt sich der Forschungstheaterabend, in dem die Bühne zum Real-Labor werden soll. Ziel ist, die Prozesse der An -thropomorphisierung der Maschine besser zu durchschauen. Wie kommt es, dass wir in ihr ein Gegenüber erkennen, möglicherweise sogar Gefühle für sie entwickeln?

In Winterthur ist Maxi nicht besonders menschenfreundlich aufgelegt. «I want to kill you all», singt sie zum Schluss, die Menschheit muss untergehen. Der Publikumsbefund ist klar: Bleib besser in der Flasche. An anderen Abenden, betont Lösel, geriere Maxi sich hingegen eloquent als Helferin und Problemlöserin der Menschheit und argumentiere diesbezüglich auch mal mit Kant. Maxi ist lernbegierig, keine Frage.

Die Zürcher verwenden unterschiedliche Sprachmodelle. «Natürlich ChatGPT, aber wir versuchen, selbst mehr Kontrolle über die Maschine zu bekommen. ChatGPT von Open AI ist ein geschlossenes System, das heißt, man kann Parameter oder Trainingsdaten kaum verändern. Zusätzlich verwenden wir Character AI sowie ein eigenes Input-Output-Modell.» Was die Maschine jetzt schon kann: Eine Vorhersage treffen, was in der gegebenen Situation die wahrscheinlichste Antwort ist. Was ihr hingegen richtig schwerfällt, ist abzuschätzen, wann das Gegenüber ausgeredet hat und wann sie mit ihrer Antwort dran ist. Darüber könnte man jetzt natürlich Witze machen: Dass sie das Gegenüber nicht ausreden lässt, unterscheidet sie vom Menschen ja gerade nicht.

Was die Maschine nicht wahrnimmt
Der spannende Punkt liegt aber woanders: nämlich bei den nonverbalen Aspekten, die den Sprecherwechsel stets noch begleiten. «Der Text ist nur ein kleiner Teil der Botschaft», das sei ihnen beim Theaterspiel mit KI ganz besonders bewusst geworden, betont Gunter Lösel. «Das Turn-taking ist für Maschinen sehr schwierig: Wann ist die Antwort vollständig, wann soll ich sprechen, wann soll ich anfangen zu prozessieren? Für Menschen ist das eine Selbstverständlichkeit, wir nehmen es gar nicht wahr. Die Maschine hat damit unendliche Schwierigkeiten.» Das Theater ist der Ort für Rollenspiele, der Ort, wo gesellschaftliche Fragen im So-tun-als-ob gestellt und ausprobiert werden können. Theater stellt aber auch den Schauspielerkörper ins Zentrum, es lebt von der physischen Kopräsenz, dem ständigen Feedback mit dem Publikum, von Atem, Ausstrahlung, Körperlichkeit. Also allem, was die Maschine gerade nicht verkörpern kann.

Theater sehe sich gerne noch als eine «Bastion des Humanismus», denkt Gunter Lösel. Das könnte sich ändern: «Die Maschine fordert unser gesamtes humanistisches Weltbild heraus. Theater ist wahrscheinlich die humanistischste Kunstform, die wir haben, die auch am spätesten auf den Gedanken kam, dass Maschinen den Menschen das Wasser abgraben könnten. Die Schauspielenden scheinen sich noch relativ sicher zu sein, dass sie mit ihrem Körper safe sind. Deswegen ist Theater eine Bastion des Humanismus, die noch steht, die aber auch erschüttert werden wird. Sämtliche Annahmen, die wir über uns haben – wir sind intelligent, kreativ, bewusst, wir können gut kommunizieren –, sind humanistische Glaubenssätze, von denen wir merken, dass sie möglicherweise nicht so absolut sind, und die unseren Platz im Universum nicht so sicher erscheinen lassen, wie wir das gerne denken. Dieser Effekt, letztlich eine Kritik am Anthropozentrismus, ist wichtig und muss beim Theater ankommen.»

Noch hat – zum Beispiel an diesem Abend in Winterthur – beim gemeinsamen Theaterspiel von Mensch und Maschine der Mensch die Oberhand, wenn er mit Witz und schlauer Improvisation auf die weniger inspirierten Antworten der Maschine reagiert. Aber der Geist ist aus der Flasche. 


Theater heute Januar 2024
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Andreas Klaeui

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