Unter den Bus geschubst
Preise verleihen ist gar nicht so schwer. Man sucht sich einen Geldgeber – Sponsor, Stiftung oder öffentliche Hand –, organisiert eine möglichst kompetente und vielleicht auch noch halbwegs prominente Jury, sucht ein passendes Datum, und los geht’s! Schon regnen die Reden, freuen sich Gelobte, wandern die Schecks, applaudieren die Geladenen, sonnen sich die Gönner. Mal mit, mal ohne Gala.
Dagegen ist nichts zu sagen. Geld und Ehre für notorisch unterbezahlte Künstler:innen sind nie zu verachten – und alles andere gelingt mal besser, mal schlechter.
Ein bisschen in Vergessenheit gerät dabei allerdings, dass mit dem Glitzerstaub an öffentlicher Aufmerksamkeit, der da aufgewirbelt wird, vielleicht auch ein Mindestmaß an Verantwortung einhergehen sollte.
Beispiel Europäischer Dramatiker:innenpreis, dotiert mit generösen 75.000 Euro. Initiiert vor zwei Jahren vom neu inthronisierten Stuttgarter Schauspielchef Burkhard Kosminski, mit dabei in der Jury die Straßburger Intendantin Bettina Engelhardt, die Kritiker Peter Michalzik und Peter Kümmel, die baden-württembergische Kulturministerin Petra Olschowski und Schaubühnen-Leiter Thomas Ostermeier. Man einigte sich auf’s Lebenswerk der britischen Dramatikerin Caryl Churchill und verkündete im April stolz die gute Wahl.
Mitte November wurden dann im Blog «Ruhrbarone» hochpolemische Vorwürfe gegen Churchill vorgebracht. Sie stehe der Israel-Boykott-Bewegung BDS nahe, und ihr Stück «Seven Jewish Children – a play for Gaza» von 2009 sei antisemitisch. Ersteres hat sie nie geleugnet, Letzteres weist sie kategorisch von sich; – und es trotzdem zu behaupten, ist eine gewagte, mindestens sehr einseitige Interpreta -tion. Denn in dem kurzen Text aus sieben Szenen unterhalten sich je zwei Erwachsene, was man einem offensichtlich kleinen Kind über die jeweilige, nicht näher auserzählte Situation mitteilen solle. Aus dem Dialogkontext lässt sich aber erschließen, dass es um Flucht, Holocaust, Ankunft in Palästina, schließlich die Intifada gehe. Die Erwachsenen wollen die Kinder beruhigen, werden in der letzten Szene aber auch von der eigenen Gewaltbegeisterung mitgerissen, die Kinder sind – laut Titel – jüdisch, die Eltern demnach auch.
Das Stück kritisiert hart die israelische Palästina-Politik, aber ist es deshalb antisemitisch? Die Jury, von den Vorwürfen offensichtlich überrascht, macht es sich leicht. Sie lässt sich mit zwei Sätzen zitieren und widerruft umstandslos den Preis: «In der Zwischenzeit haben wir Kenntnis von BDS-Unterschriften der Autorin bekommen. Außerdem gibt es das Stück ‹Seven Jewish Children›, das antisemitisch wirken kann.» Jury-Mitglied und Kunstministerin Olschowski begrüßt die eigene Entscheidung und spricht von «gegebenen Umständen», unter denen der Preis nicht verliehen werden könne. Intendant Kosminski teilt sein Bedauern über den «Vorgang» mit.
Rhetorisches Foul
Nun ist und war die israelkritische Haltung von Caryl Churchill kein großes Geheimnis, das einer Jury, die ein Lebenswerk auszeichnet, nicht entgangen sein sollte. Ihrem Stück in einer gezielt unscharfen Formulierung mögliche antisemitische Wirkung vorzuwerfen, ist allerdings ein dreistes rhetorisches Foul gegen eine Künstlerin, deren Lebenswerk von hohen ethischen Maßstäben und kritischem Engagement geprägt ist. Denn ja, gewiss, man könnte «Seven Jewish Children» antisemitisch missverstehen oder so inszenieren. Das allerdings könnte man genauso mit Joshua Sobols «Ghetto», mit etlichen Stücken von George Tabori, nicht zuletzt mit Shakespeares «Kaufmann von Venedig». Mit einiger Regiegewalt könnte man vielleicht sogar Lessings «Nathan der Weise» antisemitisch missverstehen und entsprechend inszenieren. Diffuse «antisemitische Wirkung» lässt sich vielerorts herbeiführen, wenn man es denn will.
Keine Frage: Niemand muss in Deutschland einer so israelkritischen Künstlerin wie Caryl Churchill einen Preis verleihen, zumal keinen, der aus öffentlichen Mitteln finanziert ist. Was man aber auch nicht tun sollte: Einer zweifellos wichtigen britischen Dramatikerin im April mit großen Aplomb einen europäischen Preis zuzusprechen, den man sechs Monate später mit einer fahrlässigen Begründung unter schwersten Nebenwirkungen und ohne Bereitschaft zur Diskussion einfach wieder kassiert. Preis-Initiator und Intendant des Stuttgarter Schauspiels Burkhard Kosminski teilte danach auf Anfrage mit, dass er für Auskünfte weder mündlich noch schriftlich zur Verfügung stehe. Wie bitte?
Beschädigt haben sich die Verantworlichen – Jury, Stifter und Veranstalter – nicht nur selbst, sondern vor allem Caryl Churchill. Sie kommt nun unter die Räder der panischen Fluchtreflexe der Beteiligten und deren überforderter Kommunikation. Im Englischen gibt es dafür den schönen Ausdruck «to throw somebody under the bus».
So ist es also dem «Europäischen Dramatiker:innenpreis» tatsächlich gelungen, gleich beim zweiten Mal nicht nur nicht vergeben zu werden, sondern eine Dramatikerin massiv zu diskreditieren. Übernimmt dafür eigentlich irgendwer die Verantwortung? Die Jury? Der Intendant? Der Preis zumindest dürfte sich damit selbst erledigt haben.
Theater heute 12 2022
Rubrik: Foyer, Seite 1
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