Die inoffizielle Version
Mal im Ernst: Haben wir nicht schon genug mit der derzeitigen Weltlage zu tun? Warum sollten wir uns da noch mit dem sogenannten «Massaker von Dersim» im Jahre 1938 beschäftigen, bei dem Zehntausende Alevit:innen ermordet wurden? Oder mit dem Völkermord an den Armenier:innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Weshalb wir dies unbedingt tun sollten, stellt Dogan Akhanli in seinem letzten, Fragment gebliebenen Stück «Medea 38/Stimmen» klar. Und zwar nicht nur, um uns der Gewaltgeschichte der türkischen Staatsgründung gewahr zu werden, sondern um der eigenen Gegenwart willen.
Denn nur – so der türkischstämmige Autor, der kurz vor der Fertigstellung seines Auftragswerks für das Theater Bonn verstarb – wer seine Geschichte kennt, kann künftiges Blutvergießen vermeiden. Überzeugend verknüpft Akhanli antike und türkische Geschichtsmythen und legt so den Fortbestand patriarchal-nationalistischer Gewaltsysteme frei. Seine Version der Medea lässt er auf drei Zeitzeuginnen treffen, die alle eine Verbindung zu der von Gewalt, Vertreibung und Flucht geprägten Vielvölkerregion Dersim besitzen: Sakine Cansiz (1958–2013), genannt Sara, war Führungsmitglied der kurdischen PKK. Nachdem sie jahrelang ...
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Theater heute 12 2022
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Natalie Bloch
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