Ein Haus namens Patriarchat
Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht das Haus. Allerdings nur auf der portalfüllenden Leinwand vorn an der Rampe, auf der ein Tisch steht, an dem fünf Schauspieler:innen hocken wie Krähen in einer Winterlandschaft.
Sivan Ben Yishai hat ihnen einen elegant-fiesen Prolog für den «Nora»-Teil des großen Doppelabends geschrieben, den die Regisseurin Felicitas Brucker inszeniert: eine vergleichende Studie zwischen Ibsens Drama und Édouard Louis zur Zeit viel gespieltem Mutteressay «Die Freiheit einer Frau» zu Emanzipation und Klassismus, über die Frage, ob und wie sich bürgerliche und proletarische Frauen gestern und heute dem Machtungleichgewicht in ihren Ehen entziehen.
«Wir wuchsen auf / In diesem Haus», «Wir wuchsen auf / In dieser Story», stellen Katharina Bach und Thomas Schmauser zum Auftakt fest, in dem stets in der Schwebe bleibt, ob sie als Schauspieler:innen oder Figuren sprechen. In der Tat gehörte Ibsens Drama zu den wichtigen kanonischen Stücken des bürgerlichen Theaters im letzten Jahrhunderts, und noch zu Beginn der Nuller Jahre profilierten sich männliche Regisseure mit radikalen Unterlaufungen des einst verbotenen Ibsen-Endes: Sei es, dass Nora bei Stephan ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 12 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Eva Behrendt
Ein perfektes Dilemma: Kulturelle Appropriation, also die Aneignung von Elementen fremder Kulturen, ist einerseits unverzichtbar, wenn es um einen kulturellen Austausch gehen soll, der sich nicht in den engen Grenzen einer gefühlt eigenen Kultur einmauern will. Denn die Verweigerung jeder kulturellen Appropriation führt geradewegs in den Ethnozentrismus: Jeder...
Über das Thema Muttersein wurde schon immer viel gesprochen, doch wurden wesentliche Aspekte lange tabuisiert. Auch heute noch herrscht vor allem die Erzählung des glücklichen heterosexuellen Paares vor, das in Liebe zueinander ein Kind macht. Was all jene ausschließt, die mit dem Kinderkriegen Probleme haben. Sei es, weil sie ungewollt schwanger werden, sei es,...
«Du machst Frühstück / Ich mach mein Lächeln. Du machst Einkäufe / Ich mache langsam. Du machst Wäsche / Ich dich zufrieden. Du machst Häppchen / Ich mache groß. Du machst das Bett / und Ich keinen Stress.» – Dass Beziehungen, deren Bindemittel im Wesentlichen aus Abhängigkeiten besteht, tief in zwischenmenschliche Abgründe blicken lassen, ist wahrscheinlich...
