«Unser Theater ist ein demokratisches Zentrum»

Fremdenhass, AfD-Erfolge, Pegida-Aufmärsche und Angriffe auf Flüchtlingsheime: Der ostdeutschen Provinz eilt ein reaktionärer Ruf voraus. Wie reagieren die Bühnen darauf? Eine Theaterreise nach Gera, Rudolstadt, Jena und Chemnitz

Theater heute - Logo

Musste das sein, dass noch die dümmsten Vorurteile gleich am Anfang der Reise bestätigt wurden? «Odin!», rief die Mutter auf dem Vorplatz des Bahnhofs in Gera am frühen Sonntagmorgen, «Odin, komm her!» Und der Kleine trabte gehorsam zu den Eltern; sein Vater setzte die Bierflasche an, spannte noch etwas drohend den Rücken, und man konnte nun die Schrift «Thor Steinar» auf seiner Bomberjacke deutlich lesen.

Am Abend zuvor hatte Schauspieldirektor Bernhard Stengele ziemlich niedergeschlagen Sätze wie «Ich verstehe jetzt, wie Goebbels funktionierte» gesagt, hatte von «hässlichem Lebensgefühl» und «Feindbildern» und «Wendeverlierern» gesprochen, davon, dass «Thügida» ungeniert Lügen verbreitet bei Kundgebungen, zu denen schnell mal 600 Menschen strömen, und man war geneigt zu fragen, weshalb er sich das hier immer noch antue. Stengele kommt aus dem Westen, war jahrelang am Mainfrankentheater in Würzburg erfolgreich mit sehr untypischen Stadttheaterproduktionen und hatte sich dann mit viel Elan und Enthusiasmus nach Gera beworben. Er hatte so etwas wie eine Vision: «Aus einer Stadt der gemächlichen Bocksbeutel-Trinker wollte ich in eine Arbeiterstadt, weil ich dachte, hier sei noch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2016
Rubrik: Report, Seite 4
von Bernd Noack

Weitere Beiträge
Berlin: Aus dem Steinbruch gehauen

Es war der Roman mit dem längsten Titel der Saison, und er wurde zur allgemeinen Überraschung mit dem sonst durchaus eher dem leichter Bekömmlichen zugeneigten Deutschen Buchpreis 2015 gekrönt: Frank Witzels «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969». Auf über 800 Seiten in mannigfaltigen Textsorten reflektiert,...

Mainz: Die Rache des Opfers

Wie kann ein monströses Verbrechen gesühnt werden? Und sein Opfer befriedet? Der Film «Am Sonntag bist du tot» von John Michael McDonagh findet überraschende Antworten auf diese Fragen: Hier soll ein Unschuldiger für die Verbrechen eines anderen sterben. Im Beichtstuhl kündigt ein Mann Priester James Lavelle an, ihn in sieben Tagen zu ermorden – um sich zu rächen...

Bonn: Plappernde Pizzaschachtel

Plappern Pizzaschachteln plötzlich los, ist man unter Umständen in einem Theatertext des Schweizer Autors Lukas Linder. In Bonn jedenfalls ist das so. Dort spricht ein gewisser Franz aus einer Verpackungspappe, was eine gewisse Nelly dann doch ziemlich überrascht. Die Stimme aus dem Karton ist die ihres Zwillingsbruders. Komisch, gibt es den überhaupt noch? Ist der...